Von Cheryl Benard und Edit Schlaffer

Die amerikanische Feministin Betty Friedan hielt vor Jahren in Wien einen Vortrag über die internationale Frauenfrage, in dem sie das gesamte Osteuropa mit einem eleganten Pauschalsatz abfertigte. "In Osteuropa gibt es sehr viele erschöpfte Frauen", sagte sie. Nach unserem Ungarnbesuch erwachte Friedans Satz wieder in unserem Gedächtnis und erwies sich als ziemlich treffend.

Die neue, freie Ungarin? Die gibt es noch nicht, die ist noch begraben unter (fehl-)planwirtschaftlichem Arbeitszwang und Demokratenmachismo. Der kleine Glasnost, er muß erst noch ein Schwesterchen kriegen. Bis es soweit ist, empfiehlt sich Ungarn als Reiseland für die verschiedensten Interessengruppen.

Für Feministinnen kann Ungarn Ziel eines nostalgischen Ausflugs sein – in eine Zeit, als in den Zeitungen noch kein einziger Artikel über ein Frauenthema stand, in eine Welt, in der Führungsgremien und Planungsstäbe selbstverständlich nur aus Männern bestehen. Gewalt in der Ehe? Darüber spricht man doch nicht! Frauenhaus? Was ist das?

Männer können in Ungarn noch ein Land erleben, in dem ihr Herrschertum nicht hinterfragt wird. Ein Land, in dem gerade die erste Nummer des Playboy erschien und von den Reformern begeistert gefeiert wurde als Zeichen der Liberalisierung. Ein Land, in dem die First Lady beim Interview brav flötet, in ihrer Familie drehe sich alles um ihren Mann und "eine Frau soll doch Frau bleiben und sich um die Kinder kümmern".

Konservative Sozialforscher finden in Ungarn allerdings nicht ihr Glück. Denn obwohl weit und breit keine kämpferische Frau am Horizont zu sehen ist, gibt es die glückliche und heile Familie nicht. Ungarn hat die zweithöchste Scheidungsrate Europas. Die erschöpften, abgearbeiteten Frauen verwelkten noch mehr, nachdem sie von Staats wegen experimentell Hausfrauen sein durften. Der Staat hatte eine dreijährige bezahlte Karenzzeit eingeführt in der Erwartung, nun erholte und entlastete Frauen zu sehen. Statt dessen waren ungarische Mediziner und Sozialforscher bald mit einer rätselhaften Epidemie konfrontiert. Statt zufrieden und ausgeglichen zu sein, degenerierten diese Frauen zum Sozialproblem; sie tranken, nahmen Tabletten und wurden depressiv.

Das gängige Ungarnstereotyp läßt sich in drei Bestandteile gliedern: Die ungarische Frau ist resolut und emanzipiert; der ungarische Mann ist charmant; und Ungarn ist heute voll von Befreiungswillen. Die ersten beiden Sätze sind falsch, und der dritte stimmt nur mit Vorbehalt.