Von Klaus Pokatzky

Göttingen

Autofahrer in Göttingen müssen bis auf weiteres mit einer Verkehrsstörung der besonderen Art rechnen. Freitags abends zwischen 20 und 22 Uhr versammeln sich an einem Punkt kurz hinter den innerstädtischen Wallanlagen, dort, wo die Weender Landstraße am Campus der Universität vorbei nach Nörten-Hardenberg, Northeim und Hannover führt, manchmal bis zu hundert Menschen. Sie schieben Einkaufswagen vom nahen Supermarkt auf die Fahrbahn, legen Holzlatten von einer Baustelle darauf und blockieren so die Fahrspur. Während die Polizei den Verkehr umleitet, stellen die zumeist jungen Menschen auf dem Mittelstreifen und an einem Baum hinter der Bushaltestelle brennende Kerzen ab. Sie ordnen das Tannengrün unter einer Holztafel neben dem Baum, auf der zu lesen ist: "Am 17. 11. 89 wurde hier unsere Freundin Conny ermordet. Wir trauern. Aber wir machen weiter im Kampf gegen den Faschismus."

Manchmal ist die Holztafel mit Hakenkreuzen übersprüht. Dann wird sie für ein paar Tage abmontiert, gereinigt und wieder angenagelt. Hin und wieder ruft ein Autofahrer, der sich über die Umleitung ärgert, aus geöffnetem Fenster ein zorniges "Armleuchter" herüber. Und wenn auf der Straße auch noch ein Feuer entzündet wurde, dann ruft die Polizei die Feuerwehr.

Ansonsten halten sich die Beamten zurück. Sie wissen, daß die Worte auf der Holztafel gegen sie gerichtet sind. Überall in der Stadt finden sich ähnliche Parolen. "Für die Macht der Reichen gehen sie über Leichen", ist bei Schreibwaren-Heinz in der Fußgängerzone gesprüht. Auf Plakaten steht: "Conny von Polizisten ermordet".

Die 24jährige Studentin Cornelia Wessmann, um die hier getrauert und deren Tod von einigen auch für ihre politischen Interessen genutzt wird, ist am 17. November auf der Flucht vor Polizeibeamten auf der Weender Landstraße in ein fahrendes Auto gelaufen. Dem tödlichen Verkehrsunfall war eine Auseinandersetzung vorausgegangen, wie sie in Göttingen mittlerweile Tradition hat. Vor einem Lokal in der Innenstadt hatten sich abends Mitglieder jener Gruppen geprügelt, die seit Jahren die polizeiliche Statistik der Universitätsstadt bereichern: "Skinheads" auf der einen, "Autonome" auf der anderen Seite. Bei der Verfolgung von etwa zwanzig bis dreißig jungen Leuten, die von Zivilfahndern in der Stadt aufgestöbert und dem autonomen Lager zugerechnet worden waren, war es dann passiert: Beim Versuch, aus einer Sperre von Polizeiwagen, hinter denen die Beamten mit Schlagstöcken standen, in Richtung Campus zu entkommen, war Cornelia Wessmann von einem bei Grün heranbrausenden Auto erfaßt und mehrere Meter durch die Luft geschleudert worden. Sie erlag noch am Ort ihren schweren Kopfverletzungen.

"Ich würde sagen, wenn wir genug Leute sind, sollten wir die ruhig mal plattmachen hier", hat kurz vor dem Unfall der polizeiliche Einsatzleiter in sein Funkgerät gesagt. Staatsanwalt Hans Heimgärtner, der nun nicht nur gegen den Fahrer des Autos, sondern auch gegen zwei Polizeibeamte wegen fahrlässiger Tötung ermittelt, bittet darum, den Ausdruck "plattmachen" in diesem Zusammenhang nicht überzubewerten. Aus seiner Zeit im Rauschgiftdezernat weiß er, daß dies ein "gängiger Ausdruck" für einen "Zugriff" unter erschwerten Bedingungen auf einen Verdächtigen ist: Der muß sich dann auf den Boden legen oder wird auf den Boden geworfen.

Staatsanwalt Heimgärtner, der für politisch motivierte Straftaten zuständig ist, hat viel zu tun mit Skinheads und Autonomen, die in Göttingen immer wieder aneinandergeraten; jedes Jahr klagt er dreißig bis vierzig Leute aus beiden Szenen an. Es geht dabei um Parolen aus linken wie rechten Sprühdosen, um Körperverletzungen, Brandanschläge, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Landfriedensbruch, illegalen Waffenbesitz.

Den "harten Kern" der Göttinger Autonomen schätzt Heimgärtner auf 30, ihr engeres Umfeld auf 100, den weiteren Sympathisantenkreis am Ort auf 300 bis 400 Leute. "Nicht alle" seien Studenten, aber Näheres kann er dazu nicht sagen, weil Berufsangaben oft verweigert würden. Die Rechten kommen nicht aus dem universitären Bereich. Die 25 bis 30 Skinheads aus dem Landgerichtsbezirk, vor allem aus den Dörfern der Umgebung, können ihre Zahl nach Heimgärtners Beobachtungen mit Hilfe von Freunden aus Hannover, Hildesheim, Braunschweig und Wolfenbüttel "innerhalb kürzester Zeit verdreifachen". Es seien Lehrlinge, Facharbeiter, kurz: "Leute, die sozial integriert leben – so gut wie keine Arbeitslosen dazwischen".

Übergriffe der Skinheads auf Ausländer, "Ökos" oder Schwule waren in Göttingen lange Zeit an der Tagesordnung. Inzwischen konzentrieren sich die Attacken der Rechten auf einen anderen Gegner. Heimgärtner: "Die haben jetzt ein neues Feindbild." Es ist das "Juzi", ein von der Stadtverwaltung bescheiden gefördertes Jugendzentrum in einer Jugendstilvilla an der Bürgerstraße, am Rande des Innenstadtwalls. Ins Juzi kommen neben vielen anderen bunten Grüppchen auch jene Leute, die sich als Autonome begreifen und seit dem massiven, meistens samstäglichen Auftreten der Skinheads in der Fußgängerzone, in Kneipen und Diskotheken der City als "Gegenmacht" antreten.

Wenn heute etwa in einer linken Kneipe am Samstagabend Skinheads auftauchen, Gaspistolen ziehen und Gäste anmachen, erfährt die Polizei, die nach Meinung vieler Kritiker gegen Skinheads oft erst reichlich spät eingriff, davon oft gar nichts mehr. Alarmiert wird das Juzi, der Alarm wird über eine Telephonkette vervielfältigt, und ein paar Dutzend Autonome und ihre Freunde machen sich zum Ort des Geschehens auf – wie eben auch am Abend jenes 17. November, der für Cornelia Wessmann mit dem Tod endete.

Dieser tödliche Unfall wird vermutlich dazu führen, daß sich die Auseinandersetzungen noch verschärfen. Während Cornelia Wessmann in linken Flugblättern, in denen oft nicht einmal ihr Name richtig geschrieben wird, als Märtyrerin im "Kampf gegen den Faschismus" gefeiert wird, sind rechte Sprüche an Häuserwänden aufgetaucht: "Conny war die erste". Auf Häuser, in denen linke und alternative Wohngemeinschaften leben, sind Brandanschläge verübt worden.

Am 9. Dezember, dem zweiten Adventssamstag, zogen achtzig Skinheads und Angehörige der im südlichen Niedersachsen besonders starken rechtsextremen FAP durch die Göttinger Fußgängerzone, in der sich die Weihnachtseinkäufer drängten, beschossen und bewarfen anschließend, immer noch am hellichten Tag, das Jugendzentrum mit Leuchtraketen und Steinen. Drei Tage später schossen Skinheads mit Signalmunition und Gaspistolen in einem Vorraum des Göttinger Amtsgerichts auf Autonome, die dort auf Einlaß zu einem Strafprozeß warteten. Staatsanwalt Heimgärtner hatte vergebens um verstärkte Polizeipräsenz gebeten. Wieder zwei Tage später wurde in die Wohnung eines als Skinhead-Führer geltenden Zwanzigjährigen im nahen Nörten-Hardenberg ein Brandsatz geworfen.

Die Vorsitzende des Göttinger SPD-Stadtbezirks, Hülle Hartwig, stürzte über Äußerungen, mit denen sie das Verhalten der Polizei bei einer Demonstration kritisiert hatte, an der eine Woche nach dem Tod von Cornelia Wessmann neben 15 000 Göttinger Bürgern auch etwa 3000 Autonome aus dem ganzen Bundesgebiet teilnahmen und die mit Auseinandersetzungen zwischen knüppelschwingenden Polizisten und steinewerfenden Autonomen endete.

Die Junge Union fordert inzwischen die Schließung des Jugendzentrums. Die besonneneren Politiker sind ratlos. Oberbürgermeister Artur Levy versammelte Kommunalpolitiker, Vertreter der Stadtverwaltung, der Polizei, der Kirchen, der Universität und von Bürgerinitiativen in einer Aktion "Runder Tisch" – insgesamt drei Dutzend Leute. Nun sollen sich, in einer Art Arbeitsteilung, mehrere Professoren mit den Autonomen beschäftigen, während die Kirchen versuchen, das Umfeld der Skinheads zu erforschen und zu bearbeiten. Rolf Koppe, Göttinger Landessuperintendent der Evangelischen Kirche und Regionalbischof für Südniedersachsen, glaubt, daß seine Pastoren dafür geeignet sind. Das "ziemlich gut ausgebaute Netz in den Dörfern" könne den jungen Leuten durchaus das nötige Freizeitangebot machen. In Hannoversch Münden zum Beispiel, nicht weit von Göttingen, habe man nach Waffenfunden bei einer Wehrsportgruppe dafür gesorgt, daß wieder eine richtige christliche Pfadfindergruppe gegründet wurde – die in einer freien Natur wandert und "Zelte baut und Ökologieprojekte betreut".