Von Jan Molitor

Der "Hamburger Arbeitskreis für gesamtdeutsche Fragen" hat im Hörsaal A der Universität zu Hamburg seinen ersten Vortragsabend organisiert. Die Redner waren drei Prominente der Ostzone, während die Hörer mehr oder minder "Fortschrittler" waren.

Josef Orlopp ... Alfons Steiniger ... Wilhelm von Stolzenberg. ... Dies die drei Namen, die auf der Einladungskarte standen, und da saßen diese Sendboten der "Deutschen Demokratischen Republik" auf dem Podium des Hörsaals A der Hamburger Universität. Sie waren mit ihren Autos durch den "Eisernen Vorhang" zum Wochenendbesuch gekommen, um an der Elbe einige östliche akademische Reden zu halten. Doch als bereits in den ersten fünf Minuten leise Bemerkungen zwischen zwei Horerbanken ausgetauscht wurden, hörte man folgenden "akademischen" Dialog. "Haltet die Schnauze, ihr dahinten!" – "Warum?" – "Weil ihr sonst ’n paar an den Hals kriegt!" Das also war das Niveau jener Zuhörer, die von Dr. Alfons Steiniger – dem Manne, der sich selbst als "Marxistischer Professor der Humboldt-Universität Berlin" vorstellte – mit "Liebe Freunde" angeredet wurden...

"Prophete rechts, Prophete links, das Weltkind in der Mitte" ... Hier war es umgekehrt. Der Prophet war Prof. Dr. Steiniger. Er saß in der Mitte. Zu seiner Rechten saß Orlopp, kein Dogmatiker, kein Marxist, sondern ein Weltkind; leider hatte er nichts Goethisches. Immerhin, eine solide Erscheinung. Runder Kopf von wuchtiger Form. Typ: Ehrbarer Kaufmann. Und eine Stimme von kernigem westfälischen Klang, die besonders dann Vertrauen erweckte, wenn der Gast aus der Ostzone die westlichen Politiker und die westlichen Besatzungsmächte gehörig schlecht machte, wie wir dies im Westen ja nicht übel leiden mögen. Und erweckt die Erwähnung seines Postens nicht auch Vertrauen? "Leiter der Abteilung ‚Innerdeutscher Handel‘ im Außenhandelsministerium der Deutschen Demokratischen Republik" ... Minister-Rang! Das Weltkind aber, das zur Linken des marxistischen Propheten Steiniger saß, war schlank und dünn und offensichtlich von Grund auf müde, vielleicht schon von Geburt überanstrengt, vielleicht auch von der langen Reise: Dr. Wilhelm Freiherr von Stolzenberg, Staatssekretär im Aufbauministerium ...

"Als man den Freiherrn so dasitzen sah", urteilte ein Gast, nachdem die vierstündige Veranstaltung endlich beendet war, "hatte man von ihm folgenden Eindruck –: Der hangt drüben in der Ostzone unbenutzt im Schrank, und wenn einer von der Ostzonen-Prominenz mal nach Westen geht, Reklame zu trommeln, holt er den Baron aus dem Spind heraus und führt ihn bei uns vor."

Dieser Schrank-Existenz-Vergleich, er war gewiß nicht höflich, aber er war plastisch; und deshalb ward er hier notiert. Der Freiherr also redete zuerst, der Freiherr, der denn auch, nachdem er seine Aufgabe erfüllt, entsprechend vom Professor belobt wurde und den Titel "Angehöriger des fortschrittlichen Burgertums" erhielt...

Hatte der Hamburger Rechtsanwalt Dr. Segelken als Vorsitzender der Veranstaltung den Abend mit einem Schopenhauer-Zitat eröffnet "Die Wahrheit hat Zeit, denn sie hat ein langes Leben", so wurde man bei den Worten des Freiherrn tatsachlich noch einmal deutlich an den eben zitierten Pessimisten unter den Philosophen erinnert. Denn der Baron sagte: "Es ist uns gelungen, das Ernährungsniveau unserer Bevölkerung wesentlich – herabzusetzen ..." (Zuruf aus unfreundlichen Hörerbanken: "He, he!") ... "heraufzusetzen!", verbesserte der Freiherr sich selbst. ("Ach so ...") Im übrigen war seine Rede nicht so sehr an sachlichen Mitteilungen als vielmehr an Stilblüten reich. Denn was heißt es stilistisch, wenn er sagte, es wurden in der Ostzone für die Siedler "Haus und Stall zur eigenen Verwendung" gebaut? Deutsche Sprack’, schwere Sprack’...