Von Roy P. Spring

Die Leuchtschrift am Zeitungshochhaus mitten in Erfurt am Juri-Gagarin-Ring ist weit sichtbar. Das Volk ist am Donnerstag, dem 4. Janua,r noch die einzige der fünfzehn SED-Bezirkszeitungen der DDR, in der noch die alte Chefredaktion amtiert.

Jeden Donnerstag abend wird in Erfurt demonstriert. Das Volk auf der Straße ist seit der Wende auch für das Volk im Hochhaus von Bedeutung. Als letztes Mal der Schweigemarsch hier vorbeiführte, hatte ein Demonstrant einen Redakteur oben am Fenster erspäht. „Wir sind das Volk!“ skandierten darauf Tausende, „schreibt die Wahrheit, schreibt die Wahrheit!“ Einzelne rannten zum Hauseingang und rüttelten an den Türen. Sie konnten noch einmal beschwichtigt werden.

„Liebe betrogene Bürgerinnen und Bürger, unsere Revolution war bisher friedlich, es soll dabei bleiben“, begrüßt ein Sprecher des Bürgerkomitees die mehr als 10 000 Demonstranten auf dem Domplatz. Für das Volk steht heute Demo-Spezialistin Esther Rethfeldt in der Kälte. Sie bemerkt eine weitere Zunahme der bundesdeutschen Flaggen, hitverdächtig ist die Parole „Enteignet die SED“. Mit halbgefülltem Notizblock kehrt sie in die Redaktion zurück und verfaßt eine Zwanzig-Zeilen-Meldung.

Es sei gar nicht einfach, plötzlich die Wahrheit zu schreiben, sagt die 34jährige Journalistin. „Wir haben zu lange mit der Schere im Kopf gelebt.“ Die Selbstzensur sei zur Routine geworden. Unter den Journalisten habe eine Art übersteigertes Solidaritätsgefühl geherrscht. „Es ging so weit, daß man seinem Vorgesetzten keine heiklen Artikel vorlegte, weil man ihn nicht in die Verlegenheit bringen wollte, diesen ablehnen zu müssen.“ Gelogen habe sie nie, nur die halbe Wahrheit geschrieben. „Anders war Journalismus gar nicht möglich.“ Ihr Berufsstolz hält sich deshalb in Grenzen. „Wir waren Mittäter, keine Widerstandskämpfer“, sagt sie, „aber wir hatten immer das Wohl der Gesellschaft im Auge.“

Mit achtzehn war sie der Partei beigetreten „In diesem Alter war ich empfänglich für den Traum von einer gerechten Gesellschaft, doch ich wurde brutal wachgeprügelt.“ Das geschah, als am 40. Jahrestag der Republik der FDJ-Fackelzug „Erich“ zujubelte, während man am Fernseher die Niederschlagung der Demos in Dresden und Leipzig mitverfolgen konnte. „Das tat weh.“

„Peps“ ist das Pseudonym von Hartmut Peters: „Peters-Erfurt-Prager-Straße“. Hier bewohnt der erste Stellvertreter des Chefredakteurs eine Vierraumwohnung. Im Büchergestell steht die „goldene Feder“ des DDR-Journalistenverbandes, das rote Telephon hat er vor wenigen Tagen auf eine Abhörvorrichtung untersuchen lassen. Auf die Frage nach einem leuchtenden Beispiel journalistischer Arbeit erinnert er sich fünfzehn Jahre zurück, als die Wäschereien in Erfurt hoffnungslos überlastet waren. „Mehr als sechs Wochen lang mußte man auf Kleider warten, oft wurden sie vertauscht.“ Peters recherchierte. Er fand heraus, daß die Wäschereien benachbarter Ortschaften nicht ausgelastet waren, und schlug vor, Krankenhauswäsche auszulagern – so konnten jährlich 600 Tonnen Waschleistung gewonnen werden. Zwar wurde er vor die Bezirksleitung der Partei zitiert, die sein Dazwischenfunken rügte, doch noch heute freut er sich, daß er den Verantwortlichen für die örtliche Versorgungswirtschaft abgeschossen hatte. Dieser wurde in den damals bedeutungslosen Umweltschutz abgeschoben.