Von Peter Bender

WEST-BERLIN. – Muß es gleich die Wiedervereinigung sein? Oder täte es, für fünf oder zehn Jahre, auch eine Konföderation?

Die staatliche Einheit als Hauptziel wirft sogleich die Bündnisfrage auf: Wohin gehört und wohin treibt das vereinte Deutschland? Eine Konföderation hingegen gäbe den Deutschen ihre Gemeinsamkeit und nähme den Europäern und Amerikanern die Sorge vor einem Umsturz des Gleichgewichts. Eine Konföderation erlaubte, die deutsche und die europäische Entwicklung zu synchronisieren und in den "Zustand des Friedens" zu führen, den die Bonner Parteien bisher als Voraussetzung für deutsche Selbstbestimmung ansahen.

Die staatliche Einheit als Hauptaufgabe macht die Deutschen zum Hindernis für Europa; eine Konföderatioi aber ließe sie zum Motor werden: Die Zweistaatlichkeit wäre nicht unbegrenzt und könnte den europäischen Hausbau beschleunigen.

Konföderation ist ein wunderbar unklarer Begriff, im innerdeutschen Verhältnis gibt er große Handlungsfreiheit: Man kann fast alles tun, aber muß es nicht. Man kann vereinen, was geht, und getrennt lassen, was zur Vereinigung noch nicht reif ist. Eine Konföderation würde die ständige Westwanderung aus der DDR nicht beenden, aber täte es die staatliche Einheit? Die Lebens- und Arbeitsverhältnisse werden im Westen noch lange besser sein als im Osten und in jedem Falle weiter locken. Alles, was zur Eindämmung des Übersiedlungsstroms und zur Gesundung der DDR möglich ist, kann mit einer Konföderation ebenso erreicht werden wie mit einem Einheitsstaat: eine Wirtschafts- und Währungsunion, ein Engagement westdeutschen Kapitals in der DDR, die Erneuerung der Infrastruktur dort, die Vereinheitlichung von Post, Bahn, Flugwesen.

Aber eine Konföderation würde verhindern, was übereilt wäre. So gut die Deutschen sich oft wieder verstehen, sie müssen sich erst aneinander gewöhnen – vierzig Jahre Trennung zwangen sie in unterschiedliche Denk- und Lebensbahnen. Da die westlichen Deutschen stärker sind (nicht durch Verdienst, sondern durch Umstände), sollte es eine Zeitlang noch Grenzen geben, die den Schwächeren vor dem Stärkeren schützen.

Die Ostdeutschen müssen Demokratie lernen, sagt man, aber dabei geht es um die Technik des Parlamentarismus, nicht um den Geist der Freiheit. Für das Praktische muß der Osten beim Westen in die Lehre gehen, beim Wesentlichen ist es oft umgekehrt. Und damit die Routiniers nicht die Nachdenklichen überfahren, sollten die Deutschen drüben noch eine Weile Zeit haben, um sich in einer neuen Welt zurechtzufinden – vielleicht auch, um Kraft zu sammeln für ein wenig Veränderung dieser Welt.