Kamen

Die Stellungnahme des Erzbischöflichen Generalvikariats in Paderborn war eindeutig: Nach Einholen „zuverlässiger Informationen“ sehe man „keine Veranlassung, Herrn Burghard Schmanck die missio canonica zu entziehen“. Henry Tilly, ein besorgter Bürger aus Kamen, Vater einer Schülerin des Städtischen Gymnasiums, hatte dies mit dem Hinweis auf die politischen Funktionen des 51jährigen Pädagogen gefordert. Schmanck, der an dem Kamener Gymnasium seit 1965 Katholische Religion, Latein und Mathematik unterrichtet, ist Galionsfigur der Republikaner im benachbarten Werne an der Lippe. Er ist Gründer des dortigen Ortsverbandes, Kreisverbandsvorsitzender, Rep-Kandidat im Wahlkreis 137 (Lünen, Selm, Werne) für die anstehenden nordrhein-westfälischen Landtagswahlen und – wenn es nach dem Willen des Parteivorsitzenden Franz Schönhuber geht – bald „Bundesbeauftragter für Kirchenfragen“.

Henry Tilly ist es nicht geheuer, den Multifunktionär einer rechtsradikalen Partei als Religionslehrer an der Schule zu wissen. Er gab zu verstehen, daß es ihm als engagiertem Katholiken völlig unverständlich sei, wie man hier von offizieller kirchlicher Seite „junge Menschen dem Kopf einer menschenverachtenden Vereinigung anvertraut“. In seinem Brief an die Kirchenoberen in Paderborn legte er den Republikanern Ausländerfeindlichkeit, Verharmlosung von Naziverbrechen, Angriffe auf das Grundrecht auf Asyl zur Last – eine Politik, die Burghard Schmanck, der ja „nicht irgendein Mitläufer oder Protestwähler“ sei, nach süßen repräsentiere. Da mute es doch „zynisch“ an, „wenn ein Religionslehrer mit dieser Grundhaltung die Botschaft der Nächstenliebe verkündet“.

Tilly steht mit dieser Meinung in kirchlichen Kreisen nicht allein. Laienorganisationen wie das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken und die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung haben die Republikaner als „für Katholiken nicht wählbar“ bezeichnet; der Diözesanrat der Essener Katholiken ist der Auffassung, das von den Republikanern vertretene Menschenbild sei „nicht mit der christlichen Sichtweise zu vereinbaren“.

Dem Wunsch Tillys nach Entzug der kirchlichen Lehrbefugnis für Burghard Schmanck kam das Erzbischöfliche Generalvikariat jedoch nicht nach. Die Entscheidung sei ohne „hochnotpeinliche Untersuchungen“ getroffen worden, erklärte Pressesprecher Hermann-Joseph Rick, es seien „keine nachweisbaren Äußerungen und Lebensumstände von Herrn Schmanck bekannt, die Grundsätzen der katholischen Kirche und den Richtlinien für die Erteilung der missio canonica widersprächen“. Als „Freibrief“ für Mitglieder der ultrarechten Partei will Rick diese Aussage allerdings nicht verstanden wissen: „Mit deren Programm sind wir auch nicht einverstanden.“

Die Paderborner Entscheidung hat Folgen gehabt. Der SPD-Landtagsabgeordnete Wolfram Kuschke hat Kultusminister Hans Schwier um eine Bewertung des Vorgangs gebeten, Wernes Bürgermeister und CDU-Stadtverbandsvorsitzender Wilhelm Lülf hat den „betroffenen Eltern und Schülern“ geraten, wachsam zu sein. Am Kamener Städtischen Gymnasium kursierten nach Bekanntwerden des Beschlusses zwei Unterschriftenlisten – eine namentlich unterschriebene gegen den Lehrer, eine anonym verfaßte für ihn. Schülerinnen und Schüler wandten sich in einem Protestbrief an das Generalvikariat mit der Bitte, den Entschluß noch einmal zu überdenken. Ähnlich ist der Tenor eines Schreibens, das knapp zwanzig von insgesamt siebzig Lehrkräften des Kamener Gymnasiums verfaßt und nach Paderborn geschickt haben.

Als „Mobilmachung“ gegen den Rep-Politiker will Heinrich Rickwärtz-Naujokat, Lehrer für Geschichte und Latein, diese Protestnote nicht verstanden wissen: „Wir haben nicht meinen Kollegen Schmanck im Visier, fordern kein Berufsverbot. Was wir wollen, ist eine Diskussion auch innerhalb der Kirche darüber, ob man die Republikaner demokratisch nennen darf.“

Innerhalb der Schule ist eine solche Auseinandersetzung bereits angelaufen. „Viele haben Angst vor einer unbemerkten Beeinflussung“, sagt die Sprecherin der Schülervertretung am Kamener Gymnasium, „wir wissen viel zuwenig über die Republikaner.“ Eine von Schülern und Lehrern gegründete Arbeitsgruppe soll nun die Wissenslücken schließen.

Oberstudiendirektor Manfred Köhler, der Leiter des Gymnasiums, hat in einer Stellungnahme das Programm der Republikaner verurteilt, sich aber gleichzeitig gegen Berufsverbote ausgesprochen. „Konkrete Gründe für Beanstandungen von Schmancks Tätigkeit im Fach Katholische Religion“ gebe es für ihn nicht.

Burghard Schmanck selbst genießt seine plötzliche Bekanntheit. Nachrichtenagenturen und Fernsehanstalten hat er höchstpersönlich über den Stand der Dinge auf dem laufenden gehalten, in der Lokalpresse bestreitet er selbstsicher die Vorwürfe des Rechtsradikalismus und Antisemitismus: „Unser Parteiprogramm baut auf christlicher Grundlage auf.“ Holger Jenrich