Von Ulrich Schiller

Alter und Geschlecht genügen. Wenn der Besucher diese beiden Daten dem Computer eingegeben hat, bekommt er von dem Automaten eine Kennkarte ausgehändigt. Es wird der "Paß" eines europäischen Juden sein, eines Mannes aus Berlin vielleicht, einer Frau aus Warschau oder eines Kindes aus Amsterdam, die zu der Zeit, als sie "deportiert" und in die Vernichtungsmaschinerie Hitler-Deutschlands transportiert wurden, genauso alt waren, wie der Besucher jetzt ist. Und dann wird der Besucher, die Johnsons aus Oregon vielleicht oder John Smith und seine Kinder aus Kentucky, die den obligaten Familientrip in die Hauptstadt unternehmen, den zweistündigen Rundgang durch das Holocaust-Museum der Vereinigten Staaten antreten.

Er wird, in der Hand die Karte seiner "Begleitperson", vom erfüllten Leben des europäischen Judentums vor dem Zweiten Weltkrieg und von den Anfängen der Judenverfolgung im Dritten Reich erfahren; er wird in Filmen, Bildern und Tondokumenten den Kriegsbeginn und das Warschauer Getto erleben; er wird in einem Viehwagen stehen, einem für die Transporte der Juden benutzten echten Eisenbahnwaggon, und in einer Baracke verweilen, die aus Birkenau herangeschafft wurde, mit Liegepritschen aus Auschwitz und aus Majdanek; Häftlingskleidung, Utensilien, Photos, Zäune, Mauern verdichten die Atmosphäre, die auf das Inferno vorbereiten soll.

Wo die Skelette in den Gaskammern und die Verbrennungsöfen den Besucher im Bild mit dem Unfaßbaren konfrontieren, wird eine brusthohe Wand den Eltern die Entscheidung überlassen, ob sie es die Kinder sehen lassen wollen oder nicht. "Einige Dinge werden für den Betrachter fürchterlich sein", sagt Sam Eskenazi vom Holocaust Memorial Council. In einem der Gebäudetürme werden die Wände ringsum Portraitphotos zeigen, 20 000 Köpfe, 20 000 Menschen – die Opfer eines einzigen Tages, als die Vernichtungsmaschinerie auf Hochtouren lief.

Erst am Ende des Rundganges, nachdem der Besucher die Öffnung der Todeslager durch sowjetische und amerikanische Soldaten und das Zeugnis von Überlebenden auf einer Großleinwand miterlebt hat, erst dann erfährt er, welches das Schicksal seines gleichaltrigen Gefährten auf der Kennkarte gewesen ist, wann und wo dessen letzte Spuren belegt sind. In einer Gedenkhalle kann der Besucher seine Gedanken sammeln, in einer Halle mit vielen Kerzen.

Im April 1993 sollen die ersten Besucher das Holocaust-Museum der Vereinigten Staaten betreten können. Vorläufig sieht man nur eine riesige Baugrube. Die ersten Fundamente sind gegossen. Ende dieses Jahres soll der Bau hochgezogen sein, und dann wird ihn keiner der Millionen Touristen übersehen können. Nur 400 Meter vom Obelisken des George-Washington-Denkmals entfernt, am Rande der Mall, des seelischen Gravitationszentrums der patriotischen Amerikaner, werden ungewöhnliche Strukturen das Bild des Gebäudeblocks zwischen Raoul-Wallenberg-Platz und 14. Straße dominieren. Der Betrachter wird Wachtürme assoziieren, mächtige Wachtürme, die durch Brücken verbunden sind, Brücken über Gassen, in denen Bedrohung und Unheil lauern.

Erst als er die Überreste der Gettos und die ehemaligen KZs der Nazizeit aufgesucht habe, in einem letzten verzweifelten Versuch, des dornigen Themas der Aufgabe Herr zu werden, habe er zu den symbolischen Elementen des Museums gefunden, beschrieb der Architekt James Ingo Freed die offenbar qualvolle Geburt seiner Entwürfe. Freed stammt aus Essen. Nach der Pogromnacht 1938 gelang der Familie die Flucht in die USA.