Von Ernst-Michael Brandt

Dem Reich-Ranicki gehört was vor die Fresse, dem sollte man mit dem Rasiermesser das Ohr abschneiden!“ Mit solch markigen Spruchen versuchte noch im Juli 89 der damalige Kulturminister Hoffmann die Redaktion des Sonntag, der Ostberliner Wochenzeitung für Politik, Kunst und Kultur, auf eine härtere Gangan gegen den Klassenfeind einzuschwören. Hoffmann zählte zu den liberalen Kulturfunktionären.

Es war der letzte Disziplinierungsversuch im Auftrag der Abteilung Agitation beim SED-Zentralkomitee. Die war eigentlich mit der Absicht angetreten, endlich das Blatt mit der winzigen Auflage und der beträchtlichen Wirkung zu schließen. Denn es hatte mit einer Reihe von Artikeln – die ein ZEIT- Leser sicher als harmlos abgetan hätte – wieder einmal den Bogen überspannt. Über Jahre wurde die Auflage ständig stärker limitiert, so daß von den anfangs mehr als 200 000 Exemplaren zum Ende eine Auflage von 20 000 übrigblieb, die oft von Hand zu Hand weitergegeben wurde. Auch zwischen den Zeilen zu schreiben blieb nicht ohne Folgen in einem Staat, in dem die Presse gleichgeschaltet war.

Jeden Donnerstag versammelten sich im Haus des Zentralkomitees die Chefredakteure der überregionalen Medien des Landes. Zu ihnen zählten neben dem Sonntag und der Wochenpost auch Pressestellen unterschiedlichster Institutionen, aber auch die Mediziner-Zeitung Humanitas oder die Lehrerzeitung – Produkte also verschiedenster Herausgeber, die, zumindest rechtlich, nicht parteigebunden waren. Herausgeber des Sonntags ist der Kulturbund, 1945 als „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ gegründet. Sein Ziel war es, Künstler und Kunstinteressierte zu vereinigen, um jene Werke wieder in Deutschland bekannt zu machen, die der nationalsozialistischen Gleichschaltung zum Opfer gefallen waren; übrigens wurde die Vereinigung später von der Adenauerregierung verboten. So saßen dann einmal in der Woche rund sechzig erfahrene Journalisten zusammen und ließen politische Scheinargumentationen über sich ergehen. Nach Lob und Schelte für die Redaktionen verkündete der Abteilungsleiter für Agitation, Herr Geggel, vor allem Anweisungen für kommende Ausgaben. Da hieß es dann, das Wort Ökologie habe nicht vorzukommen, da Umweltschutz die ökonomische Basis im Wettbewerb mit den imperialistischen Konzernen schwäche. Dann durften auf Photos und in Artikeln eine Zeitlang keine Randgruppen erscheinen, weder Skins noch Gruftis. Wetterbedingten Mißernten wurde mit der Aufforderung begegnet, verstärkt vom „Einsatz unserer fleißigen Menschen an der Erntefront“ zu berichten.

Die Aufzählung von Themen und Wörtern, die mit einem Tabu belegt wurden, ließe sich endlos fortsetzen. Alles erinnerte mitunter an Kabarett – allerdings an solches mit Folgen. Die Frage war, was die einzelnen Chefredakteure daraus machten. Wilfried Geißler, seit knapp zehn Jahren Sonntag-Chefredakteur, beschreibt die Arbeit von damals so: „Ich habe neunzig Prozent meines journalistischen Talents damit verpulvert, Synonyme für irgendwelche Tabuworte zu suchen, um die Themen doch noch irgendwie ins Blatt bringen zu können.“ Das Fernsehen machte es anders. Es ließ seine Redakteure zum Befehlsempfang antreten und vergatterte sie zu Problemlösungen. Als beispielsweise im Land die Zuteilungen an Hafer knapp wurden, ließ es aus Western-Filmen Szenen mit zu vielen Pferden herausschneiden, denn Pferde erinnern schließlich an Hafer. Beim Verbot des Wortes Edelfleisch wurden Filme, in denen Bankettszenen vorkamen, vom Programm abgesetzt. Ein anderes Mal, als beschlossen wurde, auch im Sozialismus den sauberen Bildschirm einzuführen, verschwand nicht nur das Harakiri aus „Harakiri“, sondern aus einem Film auch eine Jagdszene, in der ein Bär einen Hund verletzte. Der Film war dann zehn Minuten zu kurz. Doch man war findig. Der verantwortliche Abteilungsleiter setzte sich die ganze Nacht hin und doubelte den Vorspann sowie einige neutrale Landschaftseinstellungen. Den Vorspann ließ er nochmal als Abspann laufen, die Landschaften verteilte er gleichmäßig über den Streifen. Er selbst wurde anschließend mit Nervenzusammenbruch und Herzattacken ins Krankenhaus eingeliefert. Andere verdrängten mit Hilfe von Alkohol und landeten, wenn sie irgendwann zu auffällig wurden, zur Bewahrung in der Produktion.

Der allgemeinen Parteikontrolle entging nichts. Erich Honecker, Politbüromitglied Herrmann und der jeweilige Chefredakteur des Neuen Deutschland legten häufig sogar in Konferenzschaltungen gemeinsam Plazierungen von Bildern und Überschriften für die Seiten eins und zwei fest. Auch die Zeitungen der sogenannten Blockparteien, die sich heute so gern als Opposition feiern, erhielten ihre regelmäßigen Unterweisungen über den Umweg Presseamt. Das Amt vergab offiziell die Lizenzen für alle Medien und legte auch Preise, Formate und Auflagehöhen fest. Daß solche Art Unterricht wirkungsvoll war, konnten auch die Leser leicht nachvollziehen. Oft hatte man den Eindruck, Bauernpartei, Liberale, Nationale und Christdemokraten wollten die SED noch links überholen.

Die Presse müsse als kollektiver Propagandist, Organisator und Agitator wirken, wurde den Studenten an der Sektion Journalistik der Leipziger Karl-Marx-Universität eingebläut. Grundlage solcher Lehrweisheiten war unter anderem ein Zeitungsartikel Lenins von 1905, in dem dieser über „Parteiorganisation und Parteiliteratur“ meditierte. Er bezog sich auf die Arbeitsbedingungen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands, die sich unter halblegalen Bedingungen zu einer ernstzunehmenden Kraft organisieren wollte. Dies übertrugen die Professoren, verkürzt und vereinfacht, auf jegliche Pressearbeit in der DDR. Daß solche Pressepolitik auch ungeahnte Wirkungen haben kann, bewies vor einigen Monaten das Interview eines ARD-Reporters mit einer Frau aus Jena.