Von Wolfgang Weber

Der offene Brief aus Lehnin bei Potsdam, gerichtet an den „Bundeskanzler der BRD“, war Protest und Hilferuf zugleich. Verbunden mit dem dringenden Wunsch, daß des Kanzlers Gespräche mit der DDR-Führung „auch zum Wohle der privaten Omnibusunternehmer beitragen“, enthielt er, in geraffter Form, die Leidensgeschichte eines ganzen Berufsstandes.

„Die älteren Kollegen unter uns und unsere Mütter und Väter“, schrieben am 16. Dezember die Gründer des am selben Tag ins Leben gerufenen Verbandes der privaten Busunternehmer der DDR, hätten nach dem Krieg förmlich aus dem Nichts und aus Schrott das Transportwesen mit aufgebaut. Viele seien jedoch später enteignet worden: „Uns Privatbetrieben sollte bewiesen werden, daß wir überflüssig sind.“

Trotz großer Anstrengungen gelang es jedoch nicht in allen Fällen, aus den Unternehmen volkseigene Betriebe (VEB) zu machen. Doch für jeden, der mit Geschick und noch mehr Glück auch die größte Enteignungswelle 1972 überstanden hatte, so erfuhr Helmut Kohl weiter, „begann eine Zeit der Diskriminierung und Abhängigkeit, die oft nicht mehr zu ertragen war“, eine lange Phase der Erniedrigungen durch die Berufskollegen im Staatsdienst und die DDR-Beamtenmühle.

Um so schlimmer sei es nun, zu erleben, daß ausgerechnet mit westdeutschem Zutun „unsere Existenz wieder in Frage gestellt ist“. Denn „mit größter Sorge“ müßten die privaten Busunternehmer zwischen Stettin und Plauen feststellen, „daß die VE-Betriebe, die uns 40 Jahre unterdrückt haben, mit Schenkungen von Omnibussen aus der BRD bedacht werden“.

Einer, dem schier die Galle hochkommen mußte, als er von solcher „Nachbarschaftshilfe“ für die Kraftverkehrs-Kombinate und volkseigenen Betriebe hörte, ist Bernd Behrend, der Vorsitzende des neuen Verbandes. Ein Blick auf seinen eigenen traurigen Fahrzeugpark zeigt, warum: Die meisten der elf „in Ehren ergrauten“ Linien- und Reisebusse würden in Deutschland West einem Oldtimer-Treffen gut zu Gesicht stehen, hätten aber kaum Chancen, selbst eine großzügige TÜV-Prüfung zu bestehen. Der Bus mit Anhänger, Baujahr 1938, mit dem Behrend notgedrungen noch vor zwei Jahren Schulkinder transportiert hat, ist zwar mittlerweile ausgemustert, doch auch die anderen Fahrzeuge haben nach Begriffen westlicher Reisebusunternehmer längst das Verfallsdatum überschritten.

Wie er es, zusammen mit seinem Bruder, geschafft hat, sich all die Jahre „buchstäblich durchzuwursteln“ und den elterlichen Betrieb in Lehnin vor dem Zugriff der Kombinate zu bewahren, ist Bernd Behrend rückschauend selbst ein Rätsel. Denn eine eherne Grundregel im DDR-Busgewerbe lautete bis dato: Neue Busse Marke „Ikarus“ gab es stets nur für die volkseigenen Betriebe; die Privatfirmen mußten mit den verschlissenen, im Prinzip längst schrottreifen Fahrzeugen vorliebnehmen, die ausgemustert wurden – Recycling im real existierenden Sozialismus.