Von Wolfgang Zank

Indiens Rajiv Gandhi und Schwedens Olof Palme: zwei unerschrockene Verbündete im Kampf für Frieden und Moral in den internationalen Beziehungen. So sahen die beiden es jedenfalls selbst. Im Inneren lag Gandhi insbesondere die Korruptionsbekämpfung am Herzen. Als "Mr. Clean" zog er in den Wahlkampf 1984 und gewann ihn triumphal. Die Wahl im November vergangenen Jahres aber verlor er drastisch. Eine, wenn nicht gar die Hauptursache für Gandhis Niederlage: die gigantische Korruptionsaffäre im Zusammenhang mit Waffenlieferungen aus Schweden. Am Montag vergangener Woche hat das indische Central Bureau of Investigation offiziell Anklage gegen vierzehn Personen und Firmen erhoben. Es gibt starke Indizien dafür, daß die Familie Gandhi in den Skandal verwickelt ist. Und auch Olof Palme, der im Februar 1986 ermordet wurde, scheint von illegalen Geschäften gewußt zu haben. Würde seine Rolle in dieser Sache ans Licht kommen, dann "führt dies wahrscheinlich zum Sturz der Regierung in Schweden". Diesen Satz notierte jedenfalls Martin Ardbo, der frühere Generaldirektor der Waffenschmiede Bofors, anderthalb Jahre nach Palmes Tod in sein Tagebuch.

Ardbo muß es wissen. Unter seiner Leitung hatte Bofors das Geschäft gemacht. Am 24. März 1986 unterschrieb der Generaldirektor den größten Exportauftrag in der Unternehmensgeschichte. Alles in allem sollten die Kanonenbauer für rund 2,2 Milliarden Mark insgesamt 410 Haubitzen nebst Zubehör nach Indien liefern. Die 5000 Arbeitsplätze in den Bofors-Werken im mittelschwedischen Karlskoga waren damit für fünf Jahre gesichert. Triumphierend zog Direktor Ardbo die indische Flagge am Fahnenmast seines Villengrundstückes auf. Bei allem Stolz auf die eigene Leistung aber war er fair genug, in den ersten Kommentaren immer wieder auf den Einsatz von Olof Palme hinzuweisen. Ohne Palme hätte man den Auftrag nicht bekommen, sagte Ardbo.

Nicht wenigen Schweden war bei der Sache allerdings unwohl: Sri Lanka, Punjab, Pakistan – die Liste von bewaffneten Konflikten, die die Inder innerhalb und außerhalb ihres Landes ausfechten, ist lang. Die schwedischen Gesetze aber untersagen ausdrücklich Waffenexporte in Spannungs- und Kriegsgebiete. Doch deshalb kam es noch nicht zum Skandal.

Im März 1987 enthüllte das schwedische Radio, daß Bofors den Kontrakt nur mit umfangreichen Bestechungen hatte an Land ziehen können. Die Regierung beauftragte daraufhin die Reichs-Revisionsbehörde mit einer Untersuchung. Deren Bericht aber wurde mit dem "Geheim"-Stempel versehen. Weder die interessierte schwedische Öffentlichkeit, die eigentlich ein Recht auf Einsicht in alle Verwaltungsakten hat, noch die indische Regierung bekamen den Report zu sehen. Hier seien Geschäftsgeheimnisse zu schützen, hieß es.

Der Skandal schien im Dunkel zu bleiben. Bofors hatte zwar zweifelsfrei beträchtliche Summen an drei Briefkastenfirmen gezahlt, aber es war nicht herauszubekommen, wer sich hinter diesen Firmen verbarg. Schweizer Banken, welche die entsprechenden Konten verwalteten, übten sich in Diskretion. Und die Bofors-Direktion versicherte, auf keinen Fall seien Gelder an indische Staatsbürger gezahlt worden.

Das war glatt gelogen. Im Oktober 1989 veröffentlichten die indische Zeitung The Hindu und das schwedische Blatt Dagens Nyheter Teile des geheimen Untersuchungsberichtes im Faksimile. Daraus ging hervor, daß der Bofors-Konzern dem indischen Waffenhändler Win Chadha allein 1986 rund fünfzig Millionen Mark Provision im Zusammenhang mit dem Haubitzen-Geschaft gezahlt hatte. Ursprünglich waren insgesamt mehr als 300 Millionen Mark an Provision vereinbart worden. Davon war jedoch an alle Briefkastenfirmen erst ein Viertel ausbezahlt, als die Bestechungsaffäre publik wurde. Bofors stoppte daraufhin die Zahlungen.