Schon vor einem halben Jahrhunden war dem Knaben, der, ausgerüstet mit dem Schmeil-Fitschen, den Biologieunterricht in Wald und Flur durch das Bestimmen von Pflanzen absolvierte, die Botanisiertrommel ein lächerliches Requisit, allenfalls Gegenstand blasser Erinnerung an jene Zeit, da man sich der Erkenntnis der Natur noch mit anderen Methoden näherte. Der grüne Blechbehälter mit Klappe und Schließe, der Funde aus Flora und Fauna aufnahm, galt da bereits als Kuriosität. Kaum anders als auch schon vor hundert Jahren, 1887, als Theodor Fontane seinen Roman „Cécile“ schrieb, in dem, begleitet von einem alten Emeritus, eine auffallende Persönlichkeit auftritt:

„Seinem unteren Menschen nach hätte man ihn ohne weiteres für einen Trapper, seinem oberen nach ebenso für einen Rabulisten und Winkeladvokaten halten müssen, wenn nicht sein letztes und vorzüglichstes Ausrüstungsstück eine Botanisiertrommel gewesen wäre, ja sogar eine Botanisiertrommel am gestickten Bande ... ‚Botaniker‘, sagte Gordon zu dem Wirte von Hotel Zehnpfund, der sich ihm mittlerweile gesellt hatte. ‚Sieht er nicht aus wie Knecht Ruprecht, der den Frühling in seinen Sack stecken will?‘ Der joviale Hotelier jedoch, der, wie die meisten seines Standes, ein Menschenkenner war, wollte von der Gordonschen Diagnose nichts wissen und sagte: ‚Nein, Herr von Gordon, die grüne Trommel, die kenn’ ich; in neun Fällen von zehn ist sie Vorratskammer, am gestickten Bande aber ist sie’s immer. Nichts von Botanik. Ich halte den Herrn für einen Urnenbuddler.‘“

Man sieht, schon zur Fontane-Zeit war die Botanisiertrommel in ihrem natürlichen Daseinszweck auf ähnliche Weise universell erweitert worden, wie es einige Jahrzehnte später der stadtgebundenen Aktentasche widerfuhr, die alles mögliche transportierte, Stullen und Thermosflaschen zumal, aber nur in den seltensten Fällen Akten.

Der praktische Nutzen der grünen Trommel am Bande, ob zur Aufnahme botanischer Funde für die spätere häusliche Kategorisierung oder des Frühstücks oder vielleicht der Ergebnisse einer Urnenbuddelei im Harz, ist unbestreitbar. Sie gehörte zur Ausrüstung jedes Zeitgenossen, der sich Mutter Natur an den Busen legte, ob nun zum Zwecke der Pflanzenerforschung oder des Frühstücks im Grünen. Daß sich dieses nützliche Zubehör nicht gehalten hat, muß Gründe haben, die außerhalb seiner Praktikabilität liegen. Auch war die Botanisiertrommel schon ausgemustert, bevor der botanisch interessierte Mensch seinen Leitfaden zur Pflanzenbestimmung mit in den Wald nahm, um an Ort und Stelle seine Neugier zu stillen, lange auch bevor das Ausrupfen von Pflanzen als Umweltsünde deklariert wurde.

Wie bei anderen Gegenständen, die der Mensch in bestimmten Situationen seines Lebens für nützlich, ja unentbehrlich hielt, liegen auch bei der Botanisiertrommel die Gründe, warum auf sie verzichtet wurde, im dunkeln. Sie hatte nicht mal einen Nachfolger, wie es das Diplomatenköfferchen für die Aktentasche war. Hat die Lächerlichkeit sie um ihre brave Existenz gebracht? Aber warum haftete ihr diese schon bei Fontane erkennbare tödliche Kuriosität an? Wir wissen es nicht und bescheiden uns mit diesem späten Ehrenblatt für sie.