Von Gisela Mahlmann

Zwei junge Leute in Arbeitskleidung stiegen ein und unterhielten sich angeregt: ‚Die entscheidende Frage ist Demokratie, Demokratie und nochmals Demokratie...‘ Chen hörte in der Woche, seit er in der Stadt war, die Leute überall von Demokratie reden. Diskussionen über Demokratie waren hier so verbreitet wie Gespräche über Hammelkeulen in der entlegenen Kleinstadt.“

Diese Zeilen des Schriftstellers Wang Meng könnten eine Beschreibung der optimistischen Aufbruchsstimmung in Peking im Mai des vergangenen Jahres sein, doch sie wurden schon zehn Jahre früher zu Papier gebracht. In der Erzählung „Das Auge der Nacht“ beschreibt Wang Meng die Rückkehr in Chinas Hauptstadt nach sechzehn Jahren Verbannung im fernen Sinkiang. Damals begann das Jahrzehnt der Reformen und der Öffnung, damals begann für die Intellektuellen Chinas eine Zeit der Hoffnung.

„Heute“, so sagen mir einige der Schriftsteller, „haben wir die Feder aus der Hand gelegt.“ Andere, wie Zhang Jie, die Autorin des Bestsellers „Schwere Flügel“, haben ihre Lesereisen oder die Teilnahme an Tagungen im Ausland auf unbestimmte Zeit verlängert, warten draußen ab, um nicht drinnen vereinnahmt, zu Stellungnahmen gedrängt zu werden. Wieder andere flüchten in schwer entschlüsselbare Lyrik oder literaturgeschichtliche Arbeiten. So hat es auch Wang Meng gehalten; er arbeitet an einem Kommentar zum Klassiker „Der Traum der roten Kammer“.

Vierzig Jahre lang ließen sich die Intellektuellen Chinas, obwohl stets die ersten Opfer der politischen Kampagnen, doch immer wieder für die Sache der kommunistischen Partei, für den Aufbau des Landes, für die Revolution und die Reform einnehmen. Diesmal ist es anders: Sie haben sich zurückgezogen, warten ab, halten sich aus der Politik heraus.