Von Peter Hamm

Je rarer Neuentdeckungen werden, desto mehr sind wir auf Wiederentdeckungen angewiesen. Doch wie konnte ein Max Picard überhaupt so gründlich vergessen werden, daß man Jüngeren – auch jüngeren Autoren – heute schon seinen Namen buchstabieren muß? Zählten nicht so gegensätzliche Geister wie Rilke und Joseph Roth, André Gide und Gabriel Marcel, Hermann Hesse und Rudolf Kassner zu Picards Bewunderern? Und war nicht nach 1945 Picards Buch vom "Hitler in uns selbst" in aller Munde?

Picard beklagt dort, daß Hitler die Deutschen gar nicht erst zu erobern brauchte: "Durch die Struktur der Diskontinuität, der allgemeinen Zusammenhangslosigkeit, war für ihn alles schon vorerobert ... nur in der Welt der totalen Diskontinuität konnte ein solches Nichts, wie Hitler, Führer werden." Die Macht der Diskontinuität, die es erlaubte, daß Menschen mit der gleichen säuberlichen Sorgfalt, mit der sie gerade noch Briefmarken gesammelt hatten, an der KZ-Rampe Juden selektierten, war eines der Lebenstraumen und -themen Max Picards. Sollte die Kontinuität dieser Diskontinuität, die sich die schlauen Deutschen mit einer "Stunde Null" vergeblich vom Hals zu schaffen versuchten, nicht auch heute herausfordernd aktuell sein?

Die Hauptschuldigen und zugleich Hauptprofiteure an dieser Diskontinuität, die sogenannten Kommunikationsmedien, die nichts so erfolgreich verhindern wie Kommunikation, sind weit machtiger als zu Zeiten Picards, für den noch lediglich das Radio am "maschinellen Betrieb der Zusammenhangslosigkeit" schuld war. "Die Welt des Radios ist nicht nur zusammenhanglos, sie produziert auch die Zusammenhangslosigkeit. Was vorbeizieht, ist gleichgültig, wichtig ist nur, daß etwas vorbeizieht; in diese Reihe kann sich deshalb alles einschleichen, auch ein Hitler", so heißt es in Picards "Hitler in uns selbst" (1946). Und in der "Welt des Schweigens" (1948) schreibt Picard: "Das Radio ist eine Maschinerie, die das pure Wortgeräusch produziert, es kommt fast gar nicht mehr auf einen Inhalt an, sondern nur darauf, daß ein Geräusch entsteht. Die Worte sind wie zerstampft im Radio... Beim Radio gibt es kein Schweigen mehr... Durch die Kontinuität des Radiogeräusches wird der diskontinuierliche Mensch also auf eine falsche Weise sicher, daß etwas dauernd da ist und daß er selbst dauernd da ist." Um wieviel mehr noch gilt dieses vernichtende Urteil Picards für den einer TV-Fernbedienung Ausgelieferten, der scheinbar unumschränkter Herrscher und in Wahrheit doch nur willenloses Opfer im Reich dieser kontinuierlichen Diskontinuität ist!

Das Schwinden des Schweigens, das Picard mit dem Schwinden der Menschlichkeit gleichsetzte, erfolgt parallel zum Schwinden der Sprache, die, so Picard, nicht erst von den Nazis zur Parole erniedrigt wurde. Und wie hätte sie sich davon in einer Welt, in der Tag und Nacht die schrille Sprache der Werbung ihre Herrschaft ausübt und Telefon und Telefax den Brief verdrängt haben, je wieder erholen sollen?

Max Picards eigene Sprache war freilich noch ebenso beeindruckend reich, wie seine Menschlichkeit es gewesen sein muß, von der viele seiner Zeitgenossen Zeugnis ablegten. Schon 1921 stellte Rilke in einem Brief an André Gide Picard als "das vollkommene Gegenteil eines Literaten" vor: "Er ist der einfachste, der reinste Mensch, den ich kenne... Er ist ein Mensch, der leidet, und sein Leiden hat den Vorzug, von einer furchtbaren Genauigkeit zu sein."

Schon damals stand Picard ziemlich quer zur Zeit und zum Zeitgeist und veteidigte so altmodische Tugenden wie den Takt (Mangel an Takt warf er Spengler vor) oder so gefährdete Einrichtungen wie etwa die Ehe. Allerdings verteidigte er sie nie im "Jargon der Eigentlichkeit"; mit Heidegger hatte Picard, auch wenn Lukács ihn in dessen gegenaufklärerische Ecke rücken wollte, nichts am Hut ("es ist nicht weit vom Nichts Heideggers zum Nichts Hitlers", heißt es in "Hitler in uns selbst").

Sicher, rein rationales Argumentieren war nie die Sache dieses entschieden Unzeitgemäßen und Antimodernen, der gegen die moderne Großstadt ebenso anschrieb wie gegen die Psychoanalyse, gegen Radios, Kinos, Autos oder die totale Verwissenschaftlichung aller Lebensbereiche ebenso wie gegen "die Atomisierung in der modernen Kunst" (so ein Buchtitel Picards aus dem Jahr 1951). Doch mit gutem Grund wehrt sich Manfred Bosch im klug differenzierenden Nachwort zu der von ihm herausgegebenen Picard-Auswahl gegen den Versuch, "Picards Werk für eine allzu modische Vernunftkritik in Anspruch zu nehmen, die allen Grund für die Kalamitäten unserer Epoche im rationalen und analytischen Denken sucht – als mußten wir, was wir haben, nur loslassen, um gerettet zu sein".

Tatsächlich ist Picard kein Gegenaufklärer gewesen, doch leben wir für ihn auch langst nicht mehr im Zeitalter der Aufklärung, sondern "im Zeitalter des Nichtmehrwissens", des Nichtmehrwissenwollens. Boris Pasternak schrieb einmal: "Die Dichtung interessiert sich nicht für den Menschen, sondern für das Bild vom Menschen, – und das Bild ist allemale größer als der Mensch". In diesem Sinne zählte für Picard das Bild stets mehr als das bloße Bestehende, die Vision mehr als alles Gelehrtenwissen.

Auch als Essayist war Max Picard vor allem Dichter. In seiner Schrift gegen die Graphologie findet sich so etwas wie Picards Credo: "Um wie viel mehr ist du Mensch als seine Handschrift! Wie Gott unvergleichlich fiel mehr ist als alles, was et in semei Schöpfung zeigt, so ist auch Gottes Ebenbild, der Mensch, mehr als alles, was von ihm sichtbar ist. Der Mensch lebt davon, daß dieses Mehr in ihm vorhanden ist, er erneuert und verwandelt sich in diesem Mehr."

Es ist wohl bezeichnend für den 1888 im badischen Schopfheim geborenen Picard, dessen Urgroßvater noch ein berühmter Rabbiner war, daß er zwar in München, Berlin und Freiburg Medizin studierte, den Arztberuf aber bald schon aufgab, weil er vom Mechanistisch-Positivistischen der modernen medizinischen Wissenschaft tief abgestoßen war. Nur noch als Autor glaubte er diagnostizierend und heilend wirken zu können. Picards Entscheidung, die Schriftstellerexistenz zu wagen, um nicht den Menschen, sondern das Bild vom Menschen zu erretten, bedeutete nicht, daß seine Literatur gleichsam abgehoben von der Realität wäre, im Gegenteil: Die Fülle ihrer Bildhaftigkeit gründet gerade auf genauer und geduldiger Anschauung, wie das etwa auch bei einem viel Spateren, bei Peter Handke, der Fall ist. An dessen Prosa erinnern manche Abschnitte in Picards Italientagebuch "Zerstörte und unzerstörbare Welt" (1951), aus dem Manfred Bosch zwar auch einige Passagen für seine Picard-Anthologie ausgewählt hat, das zur Gänze aber neu unter dem Titel "Nach Santa Fosca" beim List-Verlag erschienen ist.

Picards Fähigkeit, Dinge und Menschen gleichsam wie zum ersten Mal sehen zu können, verleiht diesen etwas Magisches, eben jenes Mehr, auf das es ankommt. Picard nimmt nicht nur die verborgene Kontinuität wahr, die sich jenseits aller zeitgenössischen Zusammenhangslosigkeit in der Natur und den mit der Natur lebenden Menschen bewahrt hat, er stellt seineiseas mit seinem Schreiben auch Kontinuität her. Picard sieht sich im Dienste der Schöpfung, die weder ausgebeutet noch übersehen, sondern erkannt werden will: "Der Mensch will nicht nur erkennen, sondern das Objekt will auch erkannt sein. Das spürt man an der Bereitschaft, wie es dem Menschen sich hinhält, sich entgegenstreckt, es will mit ihm, durch des Menschen Blick und durch sein Bewußtsein, verbunden werden ... Vielleicht erfuhr der Mensch das ganze Wesen eines Dings mehr, wenn es sich ihm von selbst gab, als wenn er in der Absicht, dies oder jenes zu wissen, sich zu ihm wendete, und sicher erfuhr er nur so das, was ihm erlaubt war, von einem Ding zu wissen, das Ding brachte das Maß mit, in dem es sichtbar werden wollte."

Auch in Italien begegnet Max Picard zwar den Schrecken der Leere, den entleerten Gesichtern, dem entleerten Sinn, aber dennoch scheint dort der alte Zauber noch nicht ganz erloschen. Wie Stendhal glaubt auch Picard, daß Geschichte und Mythologie für Italiener letztlich das gleiche ist – und daß deshalb in wieder hundert Jahren in Italien alles ziemlich genau so sein wird wie vor hundert Jahren. In Italien gelingt es Picard plötzlich auch wieder, den Menschen und die Zukunft des Menschen ohne Bangigkeit zu sehen. Und obwohl er sich bewußt ist, "daß das Potential der Vernichtung heute so groß (ist), daß diese Städte, und noch mehr dazu, virtuell schon vernichtet sind", macht er doch, wie Handke, das Gerede von der Endzeit nicht mit, sondern vertraut darauf, daß das Bild vom Menschen diesen vor dem Schlimmsten zu schützen vermöge. Die letzten Zeilen seines Italientagebuchs lauten: "Wieviel Schreckliches geht von morgens, wenn er aufwacht, bis zum Abend, wenn er einschläft, durch die Seele und durch den Geist des Menschen hindurch. Der Mensch ist nicht imstande, alles Schreckliche zu tun, er ist geschützt gegen sich selber. Wir sind mehr gerettet, als wir wissen."

  • Max Picard:

Wie der letzte Teller eines Akrobaten...

Eine Auswahl aus dem Werk, herausgegeben und mit einem Nachwort von Manfred Bosch; Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1989; 320 S., 32,– DM

  • Max Picard:

Nach Santa Fosca

Tagebuch aus Italien, mit einem Nachwort von Michael Picard; Paul List Verlag, München 1989; 240 S., 34,– DM