In der DDR sind etwa 83 Prozent der Frauen im arbeitsfähigen Alter berufstätig. Das ist ihr Stolz. „Das ist eine historische Erfahrung, in der Ost-Frauen sich von West-Frauen grundsätzlich unterscheiden, und es ist eine andere Ausgangsposition für unsere Frauenbewegung, in der sich die Fragen anders stellen als für euch“, doziert Ina Merkel, promovierte Kulturwissenschaftlerin, Mutter von zwei Kindern, Autorin des „Manifestes“ und eine der fünf Sprecherinnen des Frauenverbandes. Noch ein Unterschied: „Die Masse unserer Frauen hat Kinder. Diese Kinder bedeuten den Störfall ihres Lebens, weil sie ihr Leben nicht für sich und die Kinder befriedigend leben können. Unser Anliegen ist: daß wir mit unseren Kindern ein gutes Leben leben wollen.“

Frauen mit Kindern sind vierzig Stunden in der Woche im Beruf. Etwa zwei Drittel aller Frauen haben sogenannte frauentypische, also schlecht bezahlte Arbeit. Der Tag beginnt für viele gegen sechs, wenn die Kinder für die Krippe, den Kindergarten, die Schule fertiggemacht werden. Nach der Arbeit werden sie wieder eingesammelt, dann stehen sie alle in der Schlange in der „Kaufhalle“. Abends Kochen, Waschen, Nähen, Putzen. „Frau bist du so lange, wie der Spülstein sauber ist“, sagt eine Frau bitter. Statistisch gesehen leistet eine Frau 28 Wochenstunden an Hausarbeit, nach ihrem vollen Arbeitstag. Und dann pocht der Mann auf eheliche Pflichtübung. Wer zur Eheberatung geht, wird zum Psychiater weitergeschickt. Beratungsziel ist die Bewahrung des Kollektiven. Trotzdem lassen sich im Jahr knapp 40 000 Frauen scheiden. Jede der Frauen kämpft für sich allein. Wie heißt es in Christa Wolfs „Nachdenken über Christa T.“? Da sie an der Welt nicht zweifeln konnte, blieb ihr nur der Zweifel an sich.

So ist die Frauenbewegung eine Bewegung ohne Basis. In einer historisch einzigartigen Situation, in der es einmal möglich wäre, Fraueninteressen schon beim Aufbau politischer Strukturen einzubringen, fehlen die vielen Frauen, die dies verlangen. Es ist, als habe die Propaganda der Partei betäubend gewirkt. Daran haben zwei Institutionen großen Anteil: der Demokratische Frauenbund Deutschlands (DFD) und die Illustrierte Für Dich – die größte Frauenorganisation und die größte Frauenzeitung des Landes.

Die Zentrale des DFD ist ein schmalbrüstiges, mausgraues Haus hinter dem Maxim-Gorki-Theater und hat eine eine weiße Fahne ’rausgehängt. Darauf die rührende Botschaft: „Demokratie ohne DFD? Nie!“ Auf der Treppe stämmige Frauen mit Pelzhütchen, Federntuff am Mantelaufschlag. Das Präsidium berät sich zur Vorbereitung des außerordentlichen Bundeskongresses im nächsten Monat, der dasselbe Thema hat wie der außerordentliche Bundeskongreß vom Dezember des vergangenen Jahres und dem auch die Januar-Nummer des Verbandsblattes Lernen und Handeln gewidmet ist: „Für eine Erneuerung des DFD“. 150 000 Austritte, Tausende von Briefen, das muß verarbeitet werden.

Die Vorsitzende Eva Rohmann läßt bitten. Ein langgestrecktes Zimmer, helle Plüschgarnitur, Stehlampe. Eva Rohmann, Jahrgang 1944, hat im November in einer Krisensitzung die Leitung des Verbandes übernommen. Seit fünfzehn Jahren ist sie Funktionärin im DFD. Eine kleine, kräftige Frau, Bahnenrock, Bluse mit Schleife. An ihrer Brille blitzt links außen ein kleiner Brillant. Es gibt Rhabarbersaft.

Wie war es möglich, daß der DFD, mit 1,5 Millionen Mitgliedern, mit Abertausenden von Frauengruppen in den Kommunen, überrascht wurde von der Unzufriedenheit der Frauen? Eva Rohmann: „Wir haben uns mehr um die Alltagsprobleme der Frauen gekümmert.“ Für längere Öffnungszeiten der Krippen gekämpft. Eingesprungen, wenn die Kassiererin in der Kaufhalle fehlte. Im Nähzirkel Schnittbögen ausgetauscht. Frauenberatungszentren wurden eingerichtet, das jüngste in Dresden, erst im Sommer, mit „neuem“ Programm: „Jeden zweiten und vierten Mittwoch abend die Ehe- und Partnervermittlung per Computer und jeden Montag das Pioniercafe, bei dem Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft ,Tischlein deck dich’ vom Pionierhaus ‚Klara Hähnlein‘ den Besuchern gegen ein kleines Entgelt warme Getränke und frischgebackene Plinsen servieren!“

War die Parteispitze wegen ihrer SED-Zugehörigkeit blind für die wahren Belange der Frauen? Eva Rohmann antwortet: „Also, ich würde sagen, in einem gewissen Maße war das so. Der Führungsanspruch der SED war in der Verfassung festgeschrieben und hat sich dann durch die Entwicklung in den nachfolgenden Jahren zu einem solchen Mißbrauch dieses Führungsanspruches entwickelt – auch wenn das einem als Parteimitglied außerordentlich weh tut, ich meine, man macht da ja selbst auch einen unheimlichen Prozeß durch in solchen Monaten – also, das lag im politischen System dieser Zeit.“ Ihre Stimme zittert. Hat sie einmal daran gedacht, alles hinzuschmeißen, aus Partei und Verband auszutreten?