Was sich auf den ersten Blick als eine zeitgeschichtliche Regionalstudie ankündigt, ist indes mehr, weil hier Geschichtsklischees aufgebrochen werden, und dabei die Physiognomie von Jugendbewegung unter den Bedingungen des Dritten Reiches intensiver verfolgt wird als dies vorlaufende Arbeiten zumeist mit politischen Vorannahmen versucht haben. Ein Dreifaches muß im Vorwege gesagt werden, um den zunächst nur angedeuteten Stellenwert zu markieren:

Die Jugendbewegung – und hier reden wir von der klassischen, großbürgerlichen Jugendbewegung, die am Jahrhundertbeginn im Umfeld der Reformpädagogik ihren Ausgang nahm – und ihre Geschichte ist eine Geschichte der Sezessionen. Von daher läßt sich die Geschichte der Jugendbewegung wohl nicht mehr schreiben. Sodann ist Jugendbewegung auch dort, wo sie sich später politisch zu definieren suchte, nicht mit Kategorien des Politischen faßbar; Jugendbewegung war eine großbürgerliche Gesellungsform, die sich Stilelemente aus der Romantik und der mittelalterlichen Ritterromantik ausgeborgt hatte, deren zentrale Erfahrungen in Naturerlebnis, in Abenteuer und in einer nicht näher bestimmten Mythisierung des „zukünftigen Menschen“ lagen. Und schließlich ist sie kein Massenphänomen gewesen, auch nicht in der Weimarer Republik, hat allerdings auf die Gesittung Jugendlicher auch außerhalb der Bünde bis hinein in die proletarische Jugendbewegung stilbildend gewirkt.

Wenn also Geschichte der Jugendbewegung als Gesamtportrait nicht mehr zu schreiben, darzustellen, zu analysieren ist, so kann doch eine Geschichte aus Versatzstücken komponiert werden, wobei Ausschnitte vorgestellt werden, die sich entweder an Phänomenen oder an Bünden orientieren und von dort aus ihr forscherisches Interesse motivieren. Die Beiträge zur Geschichte der Jugendbewegung in jüngerer Zeit verfahren denn auch in dieser Weise. Wesentliches Interesse finden die bislang blinden Flecken, vor allem das Verhältnis von Jugendbewegung und Nationalsozialismus, ein Verhältnis, das nicht einfach auf Chiffren wie Hinwendung, Widerstand, Anpassung reduziert werden kann. Auch bei solcher Analyse müßte spezifisch verfahren, der jeweilige Gruppenzusammenhang untersucht werden. Im nachhinein ist da viel Beschweigen veranstaltet worden, um sich aus Haftung und Vorwurf zu entbinden. Diese chronique scandaleuse soll hier nicht weiter verfolgt werden, sie müßte namhaft gemacht werden und dies sei hier ausgespart.

Aus dem Verhältnis von Nationalsozialismus und Jugendbewegung ragt eine Erscheinungsform heraus, die summativ als „Edelweißpiraten“ etikettiert wird. Dabei wird dann gleichzeitig an andere, offenbar jugendoppositionelle Jugendgruppen wie Kittelbachpiraten, wie auch die Swing-Jugend in Berlin und Hamburg gedacht. Aber mit dem Zeitgeschichtler Broszat frage ich, ob diese Gegenposition mit „Jugendopposition“ als eine politische Kategorie Rechtens umschrieben und für soziale und gruppenspezifische Gegenläufigkeiten nicht eher der Begriff „Resistenz“ angezeigt sei. Diese Überlegung hat sich freilich in ein breiteres Gespräch nicht einzubringen vermocht.

In jüngster Zeit konzentriert sich wiederum vermehrt das jugendbewegte zeitgeschichtliche Interesse auf die Edelweißpiraten; vormals hatten davon Peukert, Klönne, Baumgart geschrieben; jetzt liegt zunächst die Arbeit von Paulus Buscher, „Das Stigma“ (Koblenz 1989, Verlag S. Bublies) vor; eine Publikation, die ganz im Sinne der „bündischen Option“ geschrieben ist: Überladen mit Bedeutungsgehabe und einer politischen Anspruchsgesinnung, die nur schwer zu dechiffrieren ist. Das war so recht eine Schrift nach dem Gusto jugendbewegter Sinnsucher, die die Betroffenheit und Erfahrung von Paulus Buscher gleichsam zur eigenen Lebensidealität umgebogen haben.

Demgegenüber gilt nach wie vor die Bedächtigkeit der frühen Nachkriegsgeschichtsschreibung zur Jugendbewegung, wie sie etwa beispielhaft in Michael Jovy, dem späteren Botschafter der Bundesrepublik in Bukarest, erkennbar ist, der die Edelweißpiraten nicht bedenkenlos der Jugendbewegung zugesellen wollte und durchaus wahrgenommen hat, daß hier Hinwendungen zum Cliquen- und Bandenwesen vorlagen, die politische Motivationen nicht offenbar werden ließen. Auch meinte er schon damals, in einer Dissertation bei Th. Schieder in den fünfziger Jahren geschrieben, daß die Edelweißpiraten allenfalls Ornamente und gelegentlich auch Lieder aus der Jugendbewegung übernommen haben, die vielleicht die Nähe zum Nerother Wandervogel andeuteten, einem Bund, dem einzigen wohl, der in den zwanziger Jahren die Brücke zwischen proletarischer Jugend und bürgerlicher Jugend zu bauen versuchte.

Nun tritt in den Widerstreit solcher Meinungen – hier unbeirrte Verehrung, dort verhaltene Skepsis – eine Publikation ein, die den Streit wenn nicht entscheiden, so doch nachhaltig beeinflussen kann:

  • Bernd-A. Rusinek:

Gesellschaft in der Katastrophe – Terror,

Illegalität, Widerstand – Köln 1944/45

Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens Band 24; Klartext Verlag, Essen 1989;

472 S., 22,– DM

Man sollte mitteilen, daß diese Schrift zunächst auf eine Expertise zurückgeht, die das Land Nordrhein-Westfalen in Auftrag gegeben hatte, um Klarheit in den widerstreitenden Dschungel von Meinungen zu bringen, was in Köln-Ehrenfeld 1944/45 geschehen war. Dabei wird dann eine kriminelle Vernichtungspraxis der Kölner Gestapo offenbar, die uns so aktuarisch bislang nicht bekannt war und die nun mit akribischer Umsicht aus den Archiven und Auskünften noch Überlebender zu rekonstruieren war. Dieser „Ausrottungsfeldzug“ richtete sich zumal gegen die „Fremdarbeiter aus dem Osten“, und die öffentlichen Exekutionen sind Beleg für Unerbittlichkeit selbst noch in staatlicher Agonie.

In diesen Zusammenhang fällt auch das Schicksal des Jugendlichen Bartholomäus Schink, der am 10. November 1944 in der Hüttenstraße erhängt wurde. Der abscheuliche Schauplatz trägt heute den Namen „Bartholomäus Schink-Straße“. Aber Rusinek – Betroffenheit ist bei ihm nicht ausgeschlossen und muß auch einem Historiker der Zeitgeschichte nicht verwehrt werden – wendet sein Interesse auch der grundsätzlichen Frage zu: „Handelt es sich bei den Widerstandsaktivitäten der Köln-Ehrenfelder Edelweißpiraten um Hans Steinbrück um Vorgänge, deren Substanz historisch kritischer Überprüfung standhält?“

Wie bereits gesagt, Rusinek entfaltet ein kriminell-kriminalistisches Szenario der Jahre 1944 und 1945; solchermaßen nimmt die Einschätzung, Analyse und Beurteilung der Edelweißpiraten nur ein Segment seiner Darstellung ein, aber formuliert dazu schon die unkonventionelle, der „bündischen Option“ zuwiderlaufende Hypothese, daß „die Edelweißpiraten Gruppen jugendlicher Widerstandskämpfer in direkter oder unmittelbarer Tradition der bündischen Jugend gewesen sind“, und er fragt, ob man nicht „Jugendlichen wie Bartholomäus Schink das Edelweiß-Prädikat zu Unrecht verliehen hat“.

Also auch hier die wiederholte Differenzierung zwischen den „echten“ und den „nicht-echten“, gleichsam sich selbst heroisierenden Edelweißpiraten. Letzlich mündet dies in die rigorose Fragestellung, ob die „so feste Verknüpfung der Edelweißpiraten mit dem Widerstandsbegriff ... historisch haltbar ist“. Die daran anschließende Erkundung bringt biographische Details zutage, die eher für Devianz als für politische Widerstandsgesinnung sprechen. Und Rusinek findet zu Formulierungen, die den Vertretern der „bündischen Option“ nicht besonders angenehm sein werden; so, wenn er meint, man könne die Edelweißpiraten angesichts ihrer kleptomanen Disposition auch als „Kleingärtner-Piraten“ klassifizieren.

Summierend wird hier festgestellt, und dem wird wohl nicht zu widersprechen sein, daß „die Edelweißpiraten insgesamt [nicht] als Gruppen jugendlicher Widerstandskämpfer anzusehen sind“. Aber ist diese neue Sicht des Aufhebens wert? Ich meine doch, weil hier eine „bündische Option“ ihrer politischen Attributierung entkleidet wird; will sagen, man kann und soll im nachhinein nicht so tun, als sei der Wunsch nach anderen Gesellungsformen, nach unreglementiertem Wandern, nach nicht organisierten Heimabenden, nach einem durch die Tradition vermittelten Liedgut schon gleichzusetzen mit Jugendopposition, mit politischem Widerstand.

Bei Diskussionen um das Verhältnis von Jugendbewegung und Nationalsozialismus begegnen mir des öfteren zwei Argumente: einmal das, daß Jugendbewegung, bürgerliche Jugendbewegung, 1933 an ihr Ende gekommen sei. Das mag richtig sein, eröffnet freilich auch die Möglichkeit, sich aus nachfolgender Verstrickung freizusprechen. Und zweitens die Gewißheit, es habe am Beginn des Dritten Reiches eine politisch motivierte Opposition nicht gegeben, man hätte nur vormalige Tradition weiter ausleben, das eigene Liedgut, die eigene Fahrten-Erlebnishaftigkeit stilisieren wollen. Nicht mehr als dies wird durch diese Publikation eingefordert: den Heldenschein von Jugendopposition abzulegen und sich der Realität zuzugesellen, die Ausflüchte nicht gestattet.

Joachim H. Knoll