Von Hans Schuh

Schon die alten Griechen und Römer staunten über seine Eigenschaften. Ob Plutarch oder Plinius – sie waren fasziniert von jenem Stoff, der etwa in Form "ewiger" Dochte Tempellampen ständig leuchten ließ. Oder in unbrennbaren Kremationsgewändern bei der Feuerbestattung von Königen Verwendung fand. Asbestos, den Unauslöschlichen, Unzerstörbaren nannten sie ihn. Von Karl dem Großen geht die Sage, er habe ein Asbest-Tischtuch besessen, das nach zünftigen Gelagen im wahrsten Sinne des Wortes wegen seiner Rückstände gefeuert wurde: zwecks Reinigung hielt man es ins Feuer – und fort waren die lästigen Fettflecken.

Zwar hat sich die feurige Textilreinigung à la Charlemagne im Laufe der Jahrhunderte nicht durchgesetzt, aber begehrt und beachtet blieb Asbest allemal. So hat auch Marco Polo unbrennbare Textilien beschrieben, die er in Ostsibirien entdeckte. Doch erst in den beiden letzten Jahrhunderten lernte man Asbest richtig kennen und in seiner Vielseitigkeit nutzen. Heute findet ein rundes Dutzend faserförmiger Silikatmineralien – alle heißen trotz erheblicher physikalisch-chemischer Unterschiede Asbest – weltweit in mehr als 3000 verschiedenen Produkten Verwendung: in öl-, säure- und hitzebeständigen Dichtungen, in Kupplungs- und Bremsbelägen oder allerlei Baustoffen. Aber das dürfte sich drastisch ändern. Denn was unseren Ahnen noch Rufe des Entzückens entlockte, das erfüllt uns Ahnungsvolle zunehmend mit Entsetzen: Der Naturstoff Asbest gilt nach neuesten Einschätzungen von Toxikologen als "sehr stark gefährdendes" krebserzeugendes Material. Künftig wird dies auf ein De-facto-Verbot des Einsatzes handelsüblicher Asbestarten in der Industrie hinauslaufen.

In der Bundesrepublik und in den USA haben Asbest-Beseitigungsfirmen bereits seit einiger Zeit Höchstkonjunktur. Teilweise geradezu panikartig werden öffentliche Gebäude wie Schulen, Turnhallen, Schauspiel- und Krankenhäuser von Asbest gereinigt, in aller Stille Kauf- und Bürohäuser saniert. In den USA sind viele Immobilien ohne Asbestgutachten, spöttisch als "Aids-Test" bezeichnet, nicht mehr verkäuflich; auch hierzulande achten, nach spektakulären finanziellen Verlusten, die Käufer von Büro- und Geschäftshäusern auf verbaute Asbeststoffe. Allein in West-Berlin werden die langfristigen Kosten der Asbestsanierung auf über eine Milliarde Mark veranschlagt, für das Bundesgebiet kursieren Zahlen von zwanzig bis dreißig Milliarden Mark. Einen entsprechenden Betrag für die USA nannte kürzlich die Zeitschrift Science (Bd. 247/90, S. 294): Er liege zwischen 100 und 150 Milliarden Dollar.

Doch nicht nur diese gigantischen Summen, auch die bisweilen geradezu hysterischen Asbestängste in der Bevölkerung, die häufig fragwürdigen Praktiken der (überforderten) Entsorgungsfirmen und die recht widersprüchlichen nationalen und internationalen Regelungen werfen die Frage auf, ob nach jahrelanger Verharmlosung des Asbestproblems mittlerweile das Pendel umgeschlagen hat zugunsten einer Überschätzung der realen Gefahr. "Hunderte Milliarden Dollar werden möglicherweise in den nächsten dreißig Jahren für das Testen auf und Entfernen von Asbest aus Schulen, Hospitälern und anderen Gebäuden ausgegeben: Dies könnte sich als Geldverschwendung herausstellen ... Todesfälle durch Rauchen, Ertrinken, Football-Spielen und zahlreiche andere Risikofaktoren sind um Größenordnungen häufiger als jene, die auf solchen Asbestexpositionen beruhen", kommentierte Science das Problem. Zwar seien die asbestbedingten Krankheiten bei Arbeitern, die hohe Fasermengen dieses Gefahrstoffes eingeatmet hatten, mittlerweile gut dokumentiert. Hingegen gebe es wenig überzeugende Hinweise dafür, daß die verhältnismäßig niedrige Belastung durch Asbest in Gebäuden zu ähnlichen Krankheiten führe. "Die fehlgeleiteten Anstrengungen zur Entfernung könnten sogar eine neue Risikogruppe für Asbestkrankheiten schaffen: bei den Sanierungen eingesetzte Arbeiter."

Das Wissenschaftsblatt beruft sich dabei auf einen umfangreichen Beitrag von fünf Asbestfachleuten aus den USA, Frankreich und Großbritannien. Zu einer deutlich verhalteneren, in der Tendenz jedoch ähnlichen Einschätzung des Asbestproblems in der Bundesrepublik kamen mehrere, von der ZEIT befragte Experten. Sie kannten den Science-Beitrag noch nicht und lehnten eine Stellungnahme dazu ab. Der Grundtenor ihrer Aussage lautet: Asbest ist ein gravierendes Problem, das nicht verharmlost werden darf und vor allem Arbeiter betrifft, die über lange Zeit intensiv mit solchen Produkten beruflich befaßt waren. Das Risiko für die Allgemeinbevölkerung durch Asbestbelastungen in Innenräumen sei real, im Vergleich zu anderen Risiken jedoch gering. Der gewaltige finanzielle Aufwand und die Hektik, mit der teilweise bei der Asbestsanierung vorgegangen werde, sei mehr durch die von den Medien geschürten Ängste in der Bevölkerung und durch politische Faktoren bedingt als durch medizinische und epidemiologische Fakten.

Eine sachliche Diskussion darüber, welche Prioritäten bei der Bekämpfung umwelt- und verhaltensbedingter Krankheiten künftig gesetzt werden sollten, sei überfällig. Die Summen, die in die Asbestsanierung hierzulande bereits investiert wurden und künftig noch fließen werden, seien unverhältnismäßig im Vergleich zu den Mitteln, die für die Bekämpfung anderer Risiken eingesetzt würden. Diese Auffassung vertraten unter anderen Professor Dietrich Henschler, Vorsitzender der Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft und einer der renommiertesten Toxikologen der Republik, Professor Hans-Joachim Woitowitz von der Universität Gießen, eine anerkannte Autorität in Sachen gesundheitliche Auswirkungen von Asbest, und Dr. Andreas Kappos, Leiter der Abteilung Gesundheit und Umwelt bei der Hamburger Gesundheitsbehörde. Die Hansestadt ist durch Asbestimporte, Werften und andere asbestverarbeitende Industrien besonders betroffen.