Eine Industriezone könnte die Reformen fördern

Von F. Wilhelm Christians

Das Wort vom gemeinsamen Haus Europa hat im Westen viele Deutungen und Mutmaßungen erfahren. In der westeuropäischen Öffentlichkeit sind mit der Metapher mehr Fragen als Antworten verbunden. Damit die Wirkung dieses visionären Begriffes nicht verlorengeht, müssen jetzt Erläuterungen und, noch besser, konkrete sinngebende Leitprojekte vorgestellt werden. Dabei müssen Probleme der Vergangenheit überwunden, Grenzen der Gegenwart geöffnet und Ziele der Zukunft realisiert werden.

Wir erleben im Augenblick die Rückkehr des Baltikums in das Bewußtsein Europas. Es gilt jetzt, die Formel vom gemeinsamen Haus mit Leben zu erfüllen und sie den Völkern in Ost und West besser begreifbar und erfahrbar zu machen. Wenn es gelänge, im Gebiet von Kaliningrad (dem ehemaligen Königsberg) ein Industrie- und Technologiezentrum für Gemeinschaftsunternehmen, Joint-ventures, Kooperationen und andere Unternehmen zu errichten mit Beteiligung von deutschen und europäischen Firmen, dann wäre ein konkreter Schritt getan, der Neuorientierung Europas in praktischer Zusammenarbeit näherzukommen. Davon ginge erhebliche Symbolkraft für die Völkerverständigung aus. Um die historischen Antagonismen in Ost- und Westeuropa zu überwinden und die wirtschaftliche Hilfe des Westens für die osteuropäischen Nachbarstaaten zum Erfolg zu führen, werden auch speziell der dortigen Wirtschaftslage angepaßte Projekte benötigt. Ein solches Projekt, das den Verhältnissen der sowjetischen Volkswirtschaft in besonderem Maße gerecht würde, wäre die Gründung einer "Industriezone Kaliningrad" – in sowjetischen Berichten häufig auch als "Wirtschaftssonderzone" bezeichnet.

Im März 1989, auf dem ersten deutsch-sowjetischen Forum in Bad Godesberg, habe ich dem wirtschaftswissenschaftlichen Berater Gorbatschows, Professor Leonid Abalkin, den Vorschlag gemacht, eine solche Industriezone einzurichten, Diesen Vorschlag hatte ich bereits 1988 dem überraschten Ministerpräsidenten Ryshkow und auch Außenminister Schewardnadse unterbreitet.

Als Grund dafür ist zunächst die verkehrstechnisch günstige Infrastruktur zu nennen. Kaliningrad verfügt über kurze und schnelle See- und Landverbindungen zu Polen und zur DDR, zu Westeuropa und zu den skandinavischen Ländern. Für die reichen Rohstoffvorkommen auf der Halbinsel Kola liegt es auf der Verbindungslinie in Richtung Westeuropa, dem Wasserweg Kola-Leningrad-Kaliningrad-Lübeck/Kiel. Es ist damit ein gut geeigneter Standort zur Aufbereitung und Weiterverarbeitung der Rohstoffe, was einen zusätzlichen Anreiz für die betroffenen Industriebranchen bildet. Kaliningrad verfügt über einen eisfreien Hafen, der immer noch ausschließlich von der sowjetischen Kriegsmarine genutzt wird, ohne daß die kommerzielle Nutzung derzeit erlaubt wäre.

Des weiteren ist die kulturelle Infrastruktur schnell ausbaubar. Das heißt, daß deutsche und andere westeuropäische Firmen schneller und leichter – als etwa im sibirischen Teil der Sowjetunion – gewonnen werden könnten, da eine größere Akzeptanz unter den Mitarbeitern für diese Region bestehen dürfte.