Von Maria Huber

Esten, Letten und Litauer drängt es hin nach Europa. "Wir haben das Recht, nach eigenem Willen unter dem europäischen Dach zu leben, von dem wir weggerissen worden sind", sagte K.W. Moteke, ein Sprecher der 1988 gegründeten Reformbewegung Sajudis, im litauischen Fernsehen.

Am 7. Februar, noch vor den beiden anderen baltischen Republiken, erklärte das Parlament in Wilnius die Zwangsvereinigung mit der Sowjetunion von 1940 für nichtig. Bereits Ende vergangenen Jahres hatte sich die Kommunistische Partei Litauens von der KPdSU losgesagt. Für die Landes- und Kommunalwahlen am Sonntag kandidieren 219 unabhängige Kommunisten neben 91 Genossen der alten moskautreuen Rumpfpartei, 21 Bewerber der Sozialdemokraten, 18 Vertreter der demokratischen Partei und 4 Grüne.

Doch wie weit ist Litauen trotz dieser aufblühenden Vielfalt noch vom modernen Europa entfernt, wie nahe kann es ihm aus eigener Kraft kommen? "Unsere traditionellen Geschäftsverbindungen führen zum Westen", sagt ein Reform-Aktivist im Sajudis-Büro gegenüber der katholischen Kathedrale im bürgerlich-barocken Stadtzentrum, wo Mitte Januar bei Michail Gorbatschows Besuch 200 000 Menschen mit Kerzen für die Freiheit der kleinen Republik demonstriert hatten. Als konkretes Beispiel weiß der Mann von der Bürgerbewegung freilich nur die berühmten Schinken zu erwähnen, die zwischen den Weltkriegen aus dem armen Agrarland auf die Tische westlicher Feinschmecker kamen. Doch mit Delikatessen allein läßt sich kein Staat machen, und im Vergleich zum ökonomisch maßgeblichen Europa produziert Litauen zu teuer. Die engagierte Vizepräsidentin Kasimiera Prunskene hat dies erkannt. Sie sondiert deshalb die Möglichkeiten für Kooperationen in der Lebensmittelproduktion mit Dänemark, das etwa so groß ist wie Litauen. Noch in diesem Jahr sollen, mit westdeutscher Beteiligung, die Bauarbeiten für eine Fleischfabrik beginnen.

Mängel und Manipulationen

Ob die Ministerin dabei auch die negativen Erfahrungen bedenkt, die zum Beispiel Ungarn mit der Übernahme westlicher Technologie für die Hähnchen- und Schweinezucht gemacht hat? Es gibt keinen "sicheren Markt" für Instant-Fleisch. Erst recht können Kredite für Technologie-Importe niemals mit Lebensmittel-Exporten bezahlt werden. "Sicher" sind nur die Folgekosten wie Umweltschäden und Umschuldung.

Aber mit so etwas wie Folgekosten kalkulieren die Litauer noch nicht. Schillernde Projekte wie der europäische Binnenmarkt beflügeln die Phantasie. "Die baltischen Länder", so schreibt die populäre Politikerin, könnten nur als selbständige Staaten mit einem eigenen Programm für Europa 92 "ihre besondere politische Mission bewältigen, die ihnen die geopolitische Lage diktiert".