Im Trentino finden sie Zuflucht

Von Lutz Reidt

Das Kamerateam staunte nicht schlecht: Am Stilfser Joch in Südtirol drehte es einen Film über den Naturpark, als plötzlich ein Braunbär den Gegenhang entlanglief – einer der extrem seltenen Alpenbären. Fünfzig Kilometer weiter südlich, in der norditalienischen Provinz Trentino, haben sie Zuflucht vor der Zivilisation gefunden. Hier, durch die dichten Wälder am Fuße der Berggruppen Brenta, Presanella und Adamello, streifen heute noch zehn bis fünfzehn Braunbären. Die genaue Zahl kennt niemand; zu scheu sind die Tiere, und zu selten werden sie in dem Dickicht des Niederwaldes gesichtet. Über rund 1600 Quadratkilometer erstreckt sich ihr Lebensraum, wobei das Kerngebiet nur etwa 250 Qudratkilometer umfaßt. Bislang schienen die scheuen Waldbewohner wenig geneigt, ihr Refugium zu verlassen.

Eine Wende scheint nicht nur der wanderfreudige Bär am Stilfser Joch anzuzeigen. Auch am Osthang der Brenta hat im Winter eine Bärin mit ihrem Jungen einen Gegenhang erkundet, den andere Bären bis dato noch nicht besiedelt hatten. Offenbar verspürt die kleine Schar im Trentino Gelüste, sich auszubreiten. „Vielleicht sind es ja wieder ein paar mehr“, hofft Wolfgang Schröder von der Wildbiologischen Gesellschaft München (WGM). „Wenn es zu eng wird, verlassen vor allem jüngere männliche Tiere das Territorium, um Neuland zu erobern.“

Über das Sozialverhalten der Alpenbären ist nicht viel bekannt. Vermutlich weicht es wenig von dem des besser erforschten nordamerikanischen Grizzlybären ab, der allerdings aggressiver ist. Besonders die eigenbrötlerischen älteren Männchen verhalten sich gegenüber den jüngeren Geschlechtsgenossen äußerst intolerant. Kreuzen diese ihre Route, gibt es meist grobe, manchmal tödliche Auseinandersetzungen. Doch in der Regel gehen sich die Bären aus dem Weg. Um ihre Präsenz mitzuteilen, setzen sie Duftmarken. Dabei genügt es oft schon, wenn sie ihren Rücken an einem Baumstamm scheuern. Ein anderer Bär trollt sich dann meist – auf der Suche nach Neuland.

Einer der führenden Bärenforscher Europas, der Schweizer Zoologe Hans Ulrich Roth, befaßte sich bereits in den siebziger Jahren intensiv mit den Brenta-Bären. Sein italienischer Mitarbeiter Fabio Osti spürte kürzlich eine Bärin auf, die von Roth 1976 zu Forschungszwecken gefangen und dann wieder freigelassen worden war. Roth schätzt, daß diese Bärin jetzt mindestens zwanzig Jahre alt ist, ein Indiz dafür, daß die Bären im Trentino ein erstaunlich hohes Alter erreichen können.

Dennoch geben die Forscher diesem kleinen Bärenbestand langfristig kaum eine Chance. Auf solch engem Raum ist die Gefahr sehr groß, daß zum Beispiel eine Epidemie den Bestand auslöscht. Wolfgang Schröder befürchtet, daß bereits der frühzeitige Tod einer jungen Bärin – die ansonsten noch auf Jahre hinaus Nachwuchs bekäme – den Bestand gefährden könnte.