Die Kolonisatoren fahren in schweren, dunklen Limousinen vor und nehmen das herrenlose Territorium mit Maßband und Videokamera in Besitz. Gelegentlich steigen sie aus, vermessen diese oder jene Bordsteinkante, richten die Kameralinse auf diese oder jene marode Mietskaserne. Die Investoren im Westen sollen schließlich ihre neue Kapitalanlage sehen und einschätzen können, ohne gleich die lästige Reise nach Leipzig antreten zu müssen.

Seit die Lokalpresse den einfühlsamen Auftritt der bundesdeutschen Makler beschrieben hat, geht in Leipzig die Angst um: Was geschieht mit den Wohnungen, mit den Mieten, wenn die Spekulanten kommen?

Angst ist es auch, die am vergangenen Donnerstag rund 400 Mütter und Erzieherinnen trotz strömenden Regens vor das Gewandhaus auf den Karl-Marx-Platz treibt. Unter den Parapluies stecken sie die Köpfe zusammen und malen sich die Zukunft der Kinder im vereinten Deutschland in den dunkelsten Farben aus. Für die Frauen auf dem Platz gilt als ausgemacht, daß die sozialen Errungenschaften der DDR verloren sind: "Wenn die Marktwirtschaft kommt, dann wird alles wie drüben in der Bundesrepublik: keine Krippen, kaum Horte, bloß Halbtagskindergärten, und die Frau hockt wieder zu Hause am Herd."

Heidi Kathen* hat die Segnungen des Kapitalismus schon kennengelernt: Sie wird künftig arbeitslos sein. Mit Datum vom 31. Januar ist ein Brief ihres volkseigenen Arbeitgebers ins Haus geflattert. Das VEB Kombinat "Holzwerkstoffe, Beschläge und Maschinen" teilt unter dem verschleiernden Titel "Niederschrift" lapidar mit, ihre Planstelle als Bereichsökonom der Abteilung Abrechnung sei nun nicht mehr vorgesehen. "Kollegin Kathen wird ein Ersatzangebot erhalten, das gegenwärtig noch nicht konkret genannt werden kann. Mit freundlichen Grüßen."

Noch ehe die DDR eine neue Wirtschaftsordnung hat und das einstmals kommunistische mit dem kapitalistischen Deutschland verschmolzen ist, schwenken Betriebsdirektoren radikal zu Manchester-Methoden um. Vor dem Heuern kommt das Feuern. Im neuen Rechtsstaat ist das Recht auf Arbeit nichts mehr wert. Schneller als ihre Industrie zusammenbricht, verliert die DDR, worauf Führung und Volk selbst unterm Joch des Stalinismus stets einträchtig stolz waren: die sozialen Errungenschaften, wie bescheiden auch immer. Das ganze Land fürchtet, ein Fürsorgefall zu werden.

Jeden zweiten Abend sehen die DDR-Bürger den Wirtschaftsminister Helmut Haussmann in der Tagesschau. Nach acht Jahren Aufschwung in der Bundesrepublik kennt der nur noch ein Programm: die DDR anschließen, dort investieren, ihren Markt erobern und dann weiter Richtung Osten: made in Germany über alles. Ein neues Wirtschaftswunder ist bestellt.

Den Wirtschaftsliberalen scheinen die sozialen Kosten dieser schnellen Anschlußstrategie kaum zu interessieren, obwohl damit nicht weniger als der ökonomische Zusammenbruch der DDR riskiert wird. Dringend geboten wäre ein nationaler Nothilfeplan. Denn einen Strukturwandel vom Kommunismus zum Kapitalismus binnen weniger Wochen hat es noch nie in einem Land gegeben. Da müßten auch die Opfer ohne Beispiel sein.