Das Parlament in vollem Streit und halbem Konsens

/ Von Gunter Hofmann

Bonn, im Februar

Mit einer Botschaft an die Deutschen, die sich auf dem Weg zur Einheit befinden, hat sich Richard von Weizsäcker zu Wort gemeldet. Aber sie fiel so vorsichtig, andeutend und ausgewogen aus, daß man nur mutmaßen kann, was der Präsident der Öffentlichkeit am Sonntag abend im ZDF sagen wollte. Richard von Weizsäcker hat wohl gespürt, daß die Stimmung umschlägt. Im Westen Deutschlands wird sie aggressiver, im Osten Deutschlands unsicherer. Es könnte sein, daß wir erst jetzt zu ahnen beginnen, was der Preis für die Einheit ist, die ja kommen wird. Vielleicht eine tiefe Zerrissenheit nach innen?

Am Verfahren der Einigung, diesem "wahren Jahrhundertwerk", wie Richard von Weizsäcker es nannte, werden die Deutschen für lange Zeit gemessen und beurteilt. Wie schwierig das noch wird, davon lieferte die Debatte im Bundestag, so hitzig und polemisch sie war, wohl nur einen kleinen Vorgeschmack. Richard von Weizsäcker saß übrigens stumm und still leidend auf der Tribüne.

Helmut Kohl, der das Monopol auf die Einheit beansprucht, verpaßte im Parlament die Chance zu einer integrativen Rede. "Sie waren doch mit diesen Leuten verbrüdert, nicht wir!" herrschte der Kanzler die SPD an. Noch auf dem DGB-Kongreß habe er erlebt, "wie der Kollege Blüm und ich behandelt wurden und wie im Gegensatz dazu Herr Harry Tisch (FDGB) behandelt wurde".

Erbost über empörte Zwischenrufe, reagierte der Kanzler noch heftiger. Kohl in den Kleidern von Volker Rühe: "Ich kann Ihnen nur sagen: Ich verstehe Ihre Aufregung, weil Sie noch vor wenigen Wochen gegen die Einheit unserer Nation waren ... Herr Abgeordneter Vogel, Sie schulden dem deutschen Volk Rechenschaft darüber, daß Sie noch vor weniger als einem Jahr in der Frage der Gemeinsamkeit der Deutschen in Ihrem Gemeinsamen Papier mit der SED einen völlig anderen Weg vorgeschlagen haben."