Von Fredy Gsteiger

Totgesagte leben langer! Wer ein Beispiel für diese Lebensweisheit sucht, blicke nach Schweden: Seit über einem Jahrzehnt wird das "Schwedische Modell" zu Grabe getragen, sobald Spannungen in der Regierung auftreten, die Bevölkerung murrt oder Wirtschaftsauguren Skepsis verbreiten. "Ein Modell kommt in die Jahre", "Das zermalmte Modell" oder "Das schwedische Modell hat sich im Nebel des Nordens aufgelost", lauteten die Schlagzeilen der vergangenen Jahre. Doch regelmäßig wurden die Unkenrufe durch Beifall unterbrochen: "Kann die Welt doch am schwedischen Wesen genesen?" oder "Ein Staat, mit dem sich Staat machen läßt", hieß es dann nicht ohne Stolz.

Dieser Tage ertönen wieder einmal Kassandrarufe: Ministerpräsident Ingvar Carlsson mußte vorige Woche den Rucktritt seiner sozialdemokratischen Minderheitsregierung bekanntgeben, nachdem er im Reichstag mit einem rigorosen Programm gescheitert war. Der Regierungschef hatte vorgeschlagen, Löhne, Preise, Mieten, Dividenden und Gemeindesteuern zwei Jahre einzufrieren und in dieser Zeit Streiks zu verbieten. Sowohl die bürgerliche Opposition als auch Grüne und Kommunisten stellten sich ihm geschlossen entgegen. Am Wochenende nahm schließlich der starke Mann im Kabinett, Finanzminister Kjell-Olof Feldt, den Hut. Carlsson, der zurückhaltende, ja blasse Nachfolger des schillernden Olof Palme, etlebte seine bitterste Niederlage – doch gilt das auch für das schwedische Modell?

Gescheitert ist die Regierung nämlich vorab, weil sie zu lange gezaudert hat, das Modell einer sich verändernden Umwelt anzupassen. Die Reform sollte nun in einer Roßkur erfolgen, die nicht mit den anderen beiden zentralen Partnern für das Funktionieren des Systems, den Gewerkschaften und den Arbeitgebern, abgestimmt war.

Das schwedische Modell gründet im Abkommen von Saltsjobaden. In diesem Badeort bei Stockholm hatten sich 1938 Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände zu ihrem gemeinsamen Interesse an einem dauerhaften Arbeitsfrieden bekannt. Sie vereinbarten, unter weitgehender Ausschaltung der Regierung, partnerschaftliche Tarifverhandlungen zu fuhren und dabei die gesamtschwedischen Interessen dem kurzfristigen Eigennutz überzuordnen. Das daraus erwachsene System zentral geleiteten Feilschens um einvernehmliche Lösungen macht den noch heute gelobten "Geist von Saltsjobaden" aus.

Außer bei den Tarifverhandlungen wurde freilich dem Staat eine Hauptrolle eingeräumt. Der größte Staatsanteil, die höchsten Steuern, der großzugigste Wohlfahrtsstaat, die geringsten Lohnunterschiede und die mächtigsten Gewerkschaften – nach ökonomischer Weisheit müßte Schweden an unheilbarer Sklerose leiden. Doch das stimmt keineswegs. Das schwedische System funktioniert.

Wehe jenen schwedischen Politikern, die daran rütteln. Bei den Wahlen im Jahre 1985 versuchten das zum letzten Mal die Konservativen; sie wurden mit massiven Stimmenverlusten bestraft. Die Schweden sehen ihr Land als eine Art "Volksheim", in das es nicht hineinregnen darf. Regierende haben sich um Regierte zu kümmern, und zwar tagtaglich, so fordert es ein Anspruchsdenken, das Eigenverantwortung ausklammert. Kaum ein Volk ist so kontrolliert und bevormundet wie die Schweden. Die Umarmung des allgegenwärtigen Staates ist erstickend. Doch anstatt "Freiheit vor den Unterdrückern" zu schreien, fühlen sich die Bürger von gutwilligen Machthabern liebevoll am Gängelband geführt. "Frei geboren – zu Tode besteuert", ächzen zwar immer mehr Steuerzahler angesichts von Spitzensätzen um die achtzig Prozent. Doch abgesehen von unbedingten Freihandelsanhängern will niemand das "Volksheim" missen, selbst wenn es ein teures ist.