Nationalismus und Demokratie zwingen die Sowjetunion zum Offenbarungseid

Von Christian Schmidt-Häuer

Der Kommunismus, der den Vielvölkerstaat der Zaren zum Leidwesen vieler Nationen siebzig Jahre konservierte, ist tot. Er hat Gorbatschows Radikalkur zur Modernisierung des Sowjetimperiums nicht überlebt. Jetzt drohen Pluralismus, Fundamentalismus und Nationalismus das letzte Fossil der alten Reichsbildungen zu zerstören. Der Aufbruch in der Sowjetunion ist zur Auflösung geraten. Die Gesetzestafeln des reformerischen Ausgleichs werden von den einen als westliches Blendwerk zerschlagen, von den anderen als überholte imperiale Notstandsparagraphen zur Seite geschoben. Daß die Nationen alle Begrenzungen durchbrechen wollen, ist begreiflich. Die Kontraste zwischen der Ausweitung der Bürgerrechte und der Bürgerkriege, der Parteienlandschaft und Pogrome sind beklemmend.

Molodaja Gwardija, immerhin eine Zeitschrift des Jugendverbandes jener KPdSU, die in ihrer Plattform jetzt die "persönliche Freiheit als Hauptlebenswert" auf ihre Fahnen geschrieben hat, veröffentlichte jüngst das Gemälde "Regenschirm". An einem See von Blut, in dem zerstörte orthodoxe Kirchen versinken und mit ihnen das russische Imperium, feiert eine schwerbewaffnete Gruppe Juden – so diffamierend dargestellt wie einst im Stürmer.

Mit offenem Antisemitismus reagieren russische Nationalisten auf die "Preisgabe" ihrer Lande, die ihnen wie ein hausgemachtes Versailles erscheint. Das rassistische Erbe der Zarenzeit und der stalinistischen Erziehung gegen die "bürgerliche Einkreisung" wird bedrohlich belebt – und verstärkt durch begreifliche Ängste. Von den 145 Millionen Russen leben 25 Millionen als Minderheiten in den 14 nichtrussischen Republiken, wo sie wiederum zunehmend Opfer der nationalen Emotionen werden.

Ein anderes Bild, das am Wochenende im Leningrader, aber nicht im Moskauer Fernsehen ausgestrahlt wurde: Särge auf dem Kathedralen-Platz in Wilnius, in die Hunderte litauischer Reservisten ihre Wehrpässe warfen – grüne von Offizieren, rote von unteren Rängen. Litauen fordert den Abzug der "Okkupationsarmee" und will jetzt im Juli seine Unabhängigkeit proklamieren. Die beiden baltischen Schwesterrepubliken folgen direkt in dieser Spur. Estland will von Dezember an den Rubel gegen "Kroon", die neue eigene Währung, eintauschen. Auf dem lettischen Bildschirm empfiehlt zur Zeit die Organisation Daugavas Vanagi den ehemaligen Soldaten der Deutschen Legion im Zweiten Weltkrieg, bei bundesdeutschen Behörden Rentenanträge einzureichen.

Zum ersten Jahrestag des sowjetischen Abzugs aus Afghanistan, den Moskau mit einem Gottesdienst beging, verlangten Demonstranten in der mittelasiatischen Sowjetrepublik Tadschikistan – nach tagelangen Pogromen gegen armenische Flüchtlinge und ansässige Russen – die Öffnung der Grenzen zur moslemischen Hindukusch-Republik. Viele der drei Millionen Tadschiken wollen sich mit ihren zwei Millionen Landsleuten in Afghanistan ebenso verbrüdern, wie es jüngst schon die schiitischen Aserbeidschaner mit ihrem Grenzsturm zu den Stammverwandten im Iran getan haben. Zu Beginn dieser Woche verließen die aserbeidschanischen Deputierten in Moskau aus Protest gegen Verteidigungsminister Jasow eine geschlossene Sondersitzung des Obersten Sowjets, der den Kleinkrieg um Nagornyj-Karabach vergeblich zu schlichten versuchte.