Wenn man sich in beiden deutschen Staaten noch einmal in Ruhe das Bonner Grundgesetz anschaut, wird man allerdings – und dies ohne westdeutschen Triumphalismus – bald zu dem Ergebnis kommen: Der Versuch, sich eine völlig neue Verfassung auszudenken, käme dem Bestreben gleich, das Rad neu zu erfinden. Und wer weiß, ob das Rad beim zweiten Mal nicht schlechter gelingt als beim ersten? Rein als Verfassung und im rechtsgeschichtlichen Zusammenhang betrachtet, stellt das Grundgesetz nämlich nach wie vor das Optimum des bisher in Deutschland und anderswo je Erreichten dar. Weshalb beim Einigungsprozeß diese Garantien gegenüber dem völlig offenen Ausgang einer neuen Verfassungsgesetzgebung aufs Spiel setzen?

Freilich, wie wenig die verfassungspolitische Qualität des Grundgesetzes bei Politikern und Bürgern der DDR bisweilen bekannt ist, zeigt eine fast schon törichte Äußerung von Wolfgang Ulimann, der zwar der Bewegung Demokratie Jetzt angehört, aber für die Regierung Modrow am Runden Tisch sitzt: Die Bundesrepublik müsse lernen, daß es zu wenig ist, ein Grundgesetz zu haben, "das nicht mehr ist als eine verbesserte Weimarer Verfassung".

Das Grundgesetz ist eben nicht bloß eine leicht modifizierte Variante der gescheiterten Weimarer Verfassung, sondern vielmehr deren kategoriales Gegenstück.

Anders als in der Weimarer Verfassung sind die Grundrechte für alles staatliches Handeln unmittelbar bindendes Recht, auf das sich die Bürger nach Ausschöpfung des Rechtsweges mit einer Verfassungsbeschwerde direkt berufen können.

Anders als in Weimar steht sogar der demokratische Mehrheitsgesetzgeber unter der Kontrolle eines Verfassungsgerichts.

Anders als in Weimar ist die "legale Verfassungsabschaffung" unmöglich – kein Gesetzgeber darf die Grundrechte in ihrem Wesensgehalt antasten (Artikel 19 Absatz 2). Und der Artikel 79 Absatz 3 legt außerdem fest: "Eine Änderung des Grundgesetzes, durch welche die Gliederung des Bundes in Länder, die grundsätzliche Mitwirkung der Länder bei der Gesetzgebung oder die in den Artikeln 1 und 20 niedergelegten Grundsätze berührt werden, ist unzulässig."

Das heißt also: Die Menschenwürde als oberstes Gebot, die direkte und nicht nur deklamatorische Verpflichtung von Gesetzgebung, Exekutive und Rechtssprechung auf die Grundrechte, der Rechtsstaat sowie der demokratische und soziale Bundesstaat – dies alles ist, soweit das an einer Verfassungsurkunde überhaupt liegen kann, gegen Putsch und Aushöhlung sicher kodifiziert. Gewiß: Im Alltag der Verfassungswirklichkeit steht auch die Bundesrepublik nicht immer glänzend da. Doch eine Verfassung, deren existentielle Grundentscheidungen dem Grundgesetz überlegen wären, ist nicht einmal am fernen Horizont erkennbar.