Von Carl D. Goerdeler

Cartagena, im Februar

Sechs Stunden lang traute sich George Bush trotz aller Warnungen ins Land der Narco-Bosse, in die kolumbianische Hafenstadt Cartagena de Indias. "Heldenstadt" taufte der Befreier Simon Bolivar die Geburtsstätte der Unabhängigkeit Kolumbiens. Vergangene Woche war Cartagena Schauplatz des "Drogengipfels" der Präsidenten von Kolumbien, Peru, Bolivien und der Vereinigten Staaten.

Einige amerikanische Journalisten blieben lieber daheim, andere reisten mit schußsicheren Westen an. Die Invasion aus Washington verwandelte die verträumte Kolonialstadt in ein Militärlager. Auf See kreuzten die Zerstörer Simpson und Nassau, Hubschrauber knatterten über die Schindeldächer, Soldaten durchkämmten die Parks und Passagen oder lungerten vor den leeren Badehotels. Ledernacken des Marine Corps und kolumbianische Kampfschwimmer beschützten gemeinsam die Inselfestung Manzanillo, hinter deren Wällen unter Kokospalmen das Gipfeltreffen ablief. Für George Bush hatten die Amerikaner sogar den Pulverkaffee nach Kolumbien mitgebracht. "Schreiben Sie bloß nicht nur über unsere Sicherheitsmaßnahmen", bat der amerikanische Botschafter die versammelte Weltpresse und ahnte dabei wohl, wie lacherlich die Rambo-Show der Gringos auf die Latinos wirkte. "Sind das die Truppen, die die USA gerade aus Panama abziehen?" feixte ein kolumbianischer Reporter. "Wie viele Millionen kostet die Show?" fragte ein anderer.

Der Aufwand entsprach nicht im mindesten dem Ertrag. "Where is the beef? – Was ist nun eigentlich dabei herausgekommen?" Der peruanische Präsident Alan García stellte diese Frage am Ende der Konferenz und beantwortete sie gleich selber. Die drei südamerikanischen Staaten Peru, Bolivien und Kolumbien hätten nun ein neues Kapitel ihrer Beziehungen zu den Vereinigten Staaten aufgeschlagen, gemeinsam werde man fortan die internationale Drogenszene bekämpfen, die "verlorene Zeit" aufholen und Investitionen für die Zukunft vornehmen. Die Phase der rein polizeilich-militärischen Drogenbekämpfung gehe nun über in eine der wirtschaftlichen und sozialen Kooperation zwischen Nord- und Südamerika. Die Gelder, die durch die Abrüstung zwischen Osten und Westen frei werden, könnten nun in die Entwicklung der Länder gesteckt werden, deren Wirtschaft drogenabhängig geworden sei.

Präsident Bush lächelte süß-sauer zu dieser eigenwilligen Interpretation des "Drogengipfels", den er nicht gerade als Beginn einer neuen Ära bezeichnete – wie der Gastgeber, Präsident Virgilio Barco – oder als Perestrojka – wie Jaime Paz Zamora aus Bolivien –, aber doch als Gründung eines "Anti-Drogen-Kartells".

Der Feind, die Drogenmafia, hatte rechtzeitig zum Gipfeltreffen der Staatschefs Friedenssignale ausgesandt und der kolumbianischen Polizei einen defekten Hubschrauber, einen Bus mit einer Tonne Dynamit und mehrere verlassene Kokainlabors zur Entdeckung freigegeben. Seit Carlos Lehder hinter nordamerikanischen Gittern steckt und Rodriguez Gacha, der "Mexikaner", unter der Erde von Pacho liegt, mehren sich die Zeichen, daß die noch lebenden Drogenbosse eine Ruhepause suchen. Die offene Herausforderung des Staates durch die Drogenkartelle hat sich an ihren Urhebern blutig gerächt. Die Regierung Barco blieb fest, und dafür bekam sie von den Vereinigten Staaten gute Noten. Doch die Kolumbianer fragen sich, warum sie alleine die Lasten des Drogenkrieges tragen sollen.