Die dritte Union: gegen SED und SPD, für die deutsche Einheit

Von Christian Wernicke

Leipzig, im Februar

Uraufführung im Opernhaus zu Leipzig, Bizets "Carmen" fällt aus. Die Deutsche Soziale Union ruft zum 1. Parteitag, freier Eintritt für 1400 Geladene. Selbst die Garderobengebühr von zwanzig Pfennig (Ost) hat der Sponsor aus Bayern schon vorgeschossen. Die CSU läßt sich nicht lumpen, kultiviert die neue "Schwesterpartei DSU" mit Geld, Gedrucktem und Gastrednern. Das Bühnenbild, ein grün-blauweißes Transparent, verkündet das Rezitativ der Inszenierung: "Freiheit statt Sozialismus". Das Programmheft, der DSU-Kurier, ist als Plagiat des Bayernkuriers gestaltet; die Partitur liegt bei, Deutschlandlied, als Libretto die dritte Strophe. Um Punkt 18 Uhr an diesem trüben Sonntag werden etwa 40 000 Menschen zum Finale ergriffen "Einigkeit und Recht und Freiheit" intonieren, draußen, auf dem Opernvorplatz. Hans-Wilhelm Ebeling, Vorsitzender dieser konservativsten DDR-Partei, wird anschließend seine Gefühle in die schlichten Worte eines Preußen fassen: "Es war ein guter Tag."

Modell Bundesrepublik

Komposition und Dichtung: Der 56jährige Pfarrer an der Leipziger Thomas-Kirche, derzeit für die Politik freigestellt, ist mit Recht stolz auf sein Werk. Vor fünf Wochen erst hatten sich die Protagonisten eines Dutzends christlich-liberaler Gruppen auf Einladung der CSU-Landesgruppe im Hotel "Merkur" kennengelernt; vor vier Wochen erst hatten sie sich zum DSU-Ensemble zusammengeschlossen. Der Name stammte aus dem Ideenfundus der Münchner Paten.

Was es für den Auftritt auf der politischen Bühne so braucht, stapeln die Deutsch-Sozialen in ihren Kellern und Dielen – Kartons aus München: Grundsatzprogramm, Flugblätter, Aufkleber. Daneben liegt der Zehn-Punkte-Plan von Helmut Kohl auf Halde. Dieses veraltete Dokument ist eines der wenigen Indizien dafür, daß die DSU eben nicht nur als Ableger der CSU gedeiht, sondern, wie Ebeling immer wieder betont, "gleichzeitig Schwesterpartei von CDU und CSU sein will".