Das Bild vom angepaßten japanischen Arbeiter ist falsch

Von Stefan Biedermann

Ich ging in die Kollektivverhandlungen mit dem festen Entschluß, eine Übereinkunft zu erzielen. Aber der vereinbarte Zeitpunkt verstrich, und die Vertreter der Geschäftsleitung erschienen nicht. ‚Merkwürdig. Was hat das zu bedeuten?’ Ich hatte kaum Zeit zu überlegen, da stürzten einige Leute von der Jugendaktionsgruppe herein und berichteten: ‚Die Firmenleitung ist durch das Fenster gestiegen und bei der Hinterpforte über den Zaun abgehauen. Wir haben sie verfolgt, aber sie sind mit einem Auto weg!‘ " So erinnert sich der japanische Gewerkschafter Ishikawa Tadanobu an eine turbulente Szene, die sich im November 1946 in den Toshiba-Werken abgespielt hat.

Manager, die vor Verhandlungen mit Arbeitern durch den Hinterausgang fluchten – in Japan? Aus heutiger Sicht erscheinen solche Augenzeugenberichte schier unglaublich. Schließlich gelten die Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen Japans in der westlichen Öffentlichkeit als die stabilsten der Welt. Und als solche regen sie auch zur Nachahmung an. Einen "radikalen Wandel der bisherigen Rationalisierungs- und Managementmethoden" etwa kündigte auf einer Tagung in München das für Produktion zuständige Vorstandsmitglied der Volkswagen AG, Günter Hartwich, an. VW wolle verstärkt in den nächsten Jahren sein Schwergewicht auf die Anwendung japanischer Formen der Arbeitsorganisation und Unternehmensleitung legen, zitierte die Wirtschaftswoche den Manager. In einer Fabrikumwelt nach japanischem Vorbild ließen sich Produktivitätsfortschritte von jährlich zehn Prozent und mehr realisieren.

Die Auseinandersetzung mit Japans Investitionen im westlichen Ausland läßt sich heute also nicht mehr allein auf den finanziellen Aspekt beschranken. Im Gefolge der gewaltigen Kapitalstrome, die in den vergangenen Jahren aus Fernost in die USA und nach Europa geflossen sind, haben zunehmend auch japanische Betriebsorganisation und Managementmethoden bei uns Einzug gehalten. Großbritannien, trotz seiner Tradition einer starken Arbeiterbewegung, hat mit solchen Importen wohl bisher die intensivsten Erfahrungen gemacht. Wo immer japanische Firmen größere Investitionen anboten, stellten sie konkrete Bedingungen, wie in ihrem Betrieb die Arbeitsbeziehungen zu organisieren seien.

Zwar ist in der Bundesrepublik der Problemdruck noch nicht so groß, als daß man solchen Konflikten mit japanischen Firmen unmittelbar gegenüberstünde. Es zeichnet sich allerdings auch bei uns im Rahmen der internationalen Konkurrenzsituation eine Tendenz ab, die Arbeitsbeziehungen des exportstarken Gegners zu kopieren. En süddeutscher Fensterhersteller hat jetzt unter seinen Beschäftigten "Qualitätszirkel" eingeführt. Nach zweifellos japanischem Vorbild treffen sich die Arbeitnehmer dort einmal in der Woche nach Dienstschluß, um Qualitätsprobleme und Möglichkeiten zur Behebung von Fertigungsmangeln zu diskutieren. Selbst die Ifa-Wartburg-Werke in Eisenach/DDR befleißigen sich mittlerweile einer derartigen Einrichtung im Vierzehntagerhythmus. Solche und gravierendere Beispiele werden sich in Zukunft häufen. In dieser Situation tut es not, sich gründlich zu informieren, womit man es beim japanischen Typ der Arbeitsbeziehungen tatsächlich zu tun hat.

Einen historisch einführenden Beitrag zu dieser Aufgabe leistet das vorliegende Buch