Säckeweise Deutsche Mark

Gepanzerte Fahrzeuge rollten am 5. Juli 1959 in großer Zahl aus dem Bundesgebiet ins Saarland. Ziel waren Banken und Sparkassen. Die Geldtransporter brachten säckeweise Deutsche Mark, die vom folgenden Tag an offizielle Währung an der Saar werden sollte. Politisch gehörte das Saarland schon seit dem 1. Januar 1957 zur Bundesrepublik. Ökonomisch aber war es noch immer an Frankreich gebunden, da man der saarländischen Wirtschaft Zeit geben wollte für die Umstellung. Kein Geringerer als der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard hatte die Devise ausgegeben, daß Grenzen "mählich, aber sicher" fallen sollen.

Dieser Grundsatz scheint heute vergessen, wenn es um die ökonomische Integration von Bundesrepublik und DDR geht. Dabei wurde er zum Erfolgsrezept für einen technisch sauberen und schonenden Zusammenschluß. Allerdings lassen sich das Saarland von 1959 und die DDR von heute kaum vergleichen.

Nach dem Krieg war die bundesdeutsche Wirtschaft der saarländischen ein gutes Stück vorausgeeilt; vor allem langlebige Konsumgüter wie Kühlschränke oder Radios waren an der Saar zunächst längere Zeit Mangelware. Doch klaffte die Lücke lange nicht so weit auseinander wie heute zwischen Bundesrepublik und DDR. Das galt auch für die Wirtschaftssysteme, obwohl der Staat im Saarland nach französischer Tradition stark in die Ökonomie eingriff. Vorteile hatten die Saarländer aber bei den Sozialleistungen. So gab es Kindergeld schon für die ersten beiden Sprößlinge, in der Bundesrepublik erst ab dem dritten.

In der Zeit des Übergangs von 1957 bis Mitte 1959 pumpte die Bundesregierung 953 Millionen Mark ins Saarland, um die Wirtschaft dort aufzupäppeln. Den endgültigen Tag der Integration hielt die Bundesregierung bis zuletzt geheim, um Spekulationen zu verhindern. Am 2. Juli 1959 wurden im Bundesgesetzblatt neun Gesetze zur Wiedereingliederung verkündet, die unter anderem das bundesdeutsche Steuer- und Sozialsystem auf das Saarland übertrugen. Ein paritätischer Währungsausschuß, besetzt mit Deutschen und Franzosen, arbeitete in kürzester Zeit zwei Anordnungen mit insgesamt 34 Artikeln aus: Der Wechselkurs für Bargeld wurde auf 117,55 : 1 festgelegt, ein Wert, der dem offiziellen Kurs recht nahe war. Für Sparer galt ein günstigerer Schnitt. Sie bekamen für hundert Franc eine Mark gutgeschrieben.

Am 6. Juli, dem Tag X, drängten dann die Saarländer massenweise in die Banken, um ihr Bargeld einzutauschen. Am 10. Juli war die Umtauschaktion beendet, das Umschreiben von Hypotheken oder Grundschulden sollte dagegen noch Jahre dauern. Insgesamt ist der Währungsschnitt bei der Bundesbank als "ziemlich reibungslose Aktion" in Erinnerung.

Bei den Saarländern stellte sich ziemlich schnell Katzenjammer ein, denn durch die Umstellung sanken die Reallöhne um zehn bis fünfzehn Prozent. Ein Grund war, daß die Händler die Preise nicht korrekt umrechneten, sondern sich einen Aufschlag gönnten. Der Deutsche Gewerkschaftsbund rief daher am 9. Juli zu einem Proteststreik auf. Lästig waren die zahllosen Handelsvertreter aus der Bundesrepublik, die nun massenweise langlebige Konsumgüter an den Mann bringen wollten. Mancher Saarländer verschuldete sich bis zum Offenbarungseid.

Versüßt wurde den Saarländern die ökonomische Wiedervereinigung mit Steuervergünstigungen und anderen Sonderleistungen. So wurden den Familien als Ersatz für wegfallende Sozialleistungen einmalig bis zu 717 Mark ausbezahlt. Saarländische Produkte subventionierte die Bundesregierung bei Absatz im "Reich" – so nennen die Saarländer das übrige Bundesgebiet noch heute – mit bis zu sechs Prozent des umsatzsteuerpflichtigen Wertes.

Säckeweise Deutsche Mark

Trotzdem mußten 120 Betriebe schließen, weil sie der moderneren Konkurrenz aus dem Bundesgebiet nicht gewachsen waren. Wer seine Arbeit verlor, kam jedoch in der Regel schnell woanders unter. In den Jahren nach der Rückgliederung herrschte im Saarland stets Vollbeschäftigung, da das bundesdeutsche Wirtschaftswunder den Neuankömmling mit nach oben riß.

Dirk Kurbjuweit