Heute kommt es gar nicht mehr darauf an, ob Oliver Stone und Hark Böhm die Walstatt als Sieger, Jacques Rivette und Jacques Doillon sie als Ungenannte und Mitläufer verlassen. Der Preis erhöht Marktwert und Reputation eines Regisseurs, er belohnt eine erbrachte Leistung, aber er gewährt keine Ausblicke mehr. Denn längst ist allen die Sicht auf das wesentlich Neue und Utopische des Kinos versperrt, ist der ästhetische Streit freundlicher Gelassenheit gewichen.

Der Satz, ein Kunstwerk sei des anderen Todfeind, hat seinen Geist aufgegeben. Jeder Film ist ein Partygast unter vielen, die herumstehen und plaudern. Natürlich sind die Amerikaner in der Überzahl; aber auch von ihnen geht keine ideologische, bloß eine wirtschaftliche Bedrohung aus. Nur ausnahmsweise gewinnt eine Festivaltrophäe Bedeutung, wie die Goldene Palme von Cannes im letzten Jahr: "Sex, Lügen und Video" ist gewiß der Erzfeind von Wickis "Spinnennetz". Aber Berlin hat seit Jahren keine Ausnahme mehr gemacht.

Daran muß man denken, wenn man jetzt wieder überall liest und hört, die vierzigste Berlinale sei ein durchschnittliches und "normales" Festival gewesen. Im Kino selber ist der Durchschnitt mittlerweile die Norm. Die technischen Standards sind hoch, die Erwartungen um so geringer. Manche Kritiker zeigen ihr Desinteresse schon wie einen Orden herum. Wackere Gleichgültigkeit vor dem Feind, das ist vielleicht die intellektuelle Grundstellung des beginnenden Jahrzehnts.

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Die wichtigsten neuen Filme auf der Berlinale kamen von Pedro Almodovar, Jacques Doillon und Aki Kaurismäki. Nicht, weil sie besser waren als der Rest; "besser" ist ein Wort für Gleichgültige. Aber Almodovar, Doillon und Kaurismäki sind Regisseure, auf die es ankommt, wenn das Kino in Europa eine Zukunft haben soll. Man muß ihre Filme nicht mögen, um sie zu schätzen.

Der Spanier Almodovar erzählt Geschichten aus dem unwirklichen Leben von Filmleuten, Stierkämpfern, Schauspielerinnen und spanischen Mittelstandsehepaaren. Seine Filme sind voller Klischees, die wie Seifenblasen aneinander zerplatzen; aus lauter falschen Tönen macht er eine richtige Melodie.

In "Atame!" ("Fessle mich!") überfällt der Taugenichts Ricki (Antonio Banderas) das Filmsternchen Marina (Victoria Abril), fesselt die Schöne an ihr Bett, klebt ihr Heftpflaster auf den Mund und erklärt, er wolle sie heiraten und mit ihr Kinder haben, sie müsse sich nur erst an ihn gewöhnen. Was auch geschieht.