Nicht jedes Einparteiensystem führt zwangsläufig in den Ruin. Japan liefert dafür den Beweis. Unter der seit 1955 ununterbrochen regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) ist das Land zur führenden Industrie- und Finanzmacht aufgestiegen. Und doch verblüfft die anstandslose Verlängerung des Regierungsabonnements für die LDP bei den Unterhauswahlen am vergangenen Sonntag.

Vor noch nicht einmal einem Jahr war ihr Ansehen nach einer Serie von Skandalen und Affären auf einen Tiefpunkt gesunken. Jetzt sind die Konservativen wieder obenauf: Sie schicken 275 Abgeordnete ins Unterhaus und behaupten damit ihre absolute Mehrheit. Ist Japan nach der Denkzettelwahl zum Oberhaus im vorigen Sommer also wieder zur Normalität zurückgekehrt? Dies wäre ein zu oberflächlicher Befund. In Wahrheit beginnen sich die politischen Gewichte zu verschieben. Die eindrucksvollen Zugewinne der Sozialisten – sie konnten die Zahl ihrer Mandate von 85 auf 136 erhöhen – belegen dies. Werfen sie weiteren ideologischen Ballast ab, dann können sie auf mittlere Frist zu einer ernst zu nehmenden Regierungsalternative werden. Denn nicht aus Begeisterung, sondern aus Berechnung haben viele Japaner für die LDP votiert. Auch wenn sie über deren Arroganz und Korruption empört sind: Die Kompetenz, den mühsam erarbeiteten Erfolg zu wahren und zu mehren, vermuten sie noch immer bei den Konservativen.

Im reichen Japan ist die Erinnerung an die Armut lebendig geblieben. Dies erklärt die Sehnsucht der Wähler nach Sicherheit und Stabilität. Erst wenn sich die Japaner ihres Wohlstands ganz sicher sind, werden sie den Wechsel wagen. M. N.