Angelika Beer, Bundestagsabgeordnete der Grünen, ist sich nun ganz sicher: "Der Verdacht der Strafvereitelung im Amt ist nicht etwa ausgeräumt, sondern er hat sich erhärtet." Auch Norbert Gansel von der SPD sieht seine Vermutung erhärtet, bei der Aufklärung des deutsch-südafrikanischen U-Boot-Skandals sei entweder Begünstigung und/oder Strafvereitelung im Amt im Spiel.

Bestärkt wurden die beiden Parlamentarier in ihrer Auffassung durch Veröffentlichung bisher unbekannter Vermerke eines Oberregierungsrates aus der Zollabteilung des Bonner Finanzministeriums (siehe ZEIT vom 16. Februar 1990: "Heikle Bonner Notizen").

Der Beamte hatte erhebliche Unzulänglichkeiten bei den Ermittlungen der Oberfinanzdirektion (OFD) Kiel festgestellt und dabei sogar den Verdacht geäußert, die Behörde habe die Firmen Lübecker Ingenieurkontor (IKL) und Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) wissentlich geschont und nach bestimmten "Vorgaben" ermittelt. Er empfahl die Abgabe des Verfahrens an die Kieler Staatsanwaltschaft. Das aber ist nicht geschehen, vielmehr hat die OFD ihr Verfahren eingestellt.

Inzwischen haben sich einige möglicherweise Betroffene zu Wort gemeldet, zuallererst Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg, der zur fraglichen Zeit Finanzminister und somit weisungsberechtigt gegenüber der OFD Kiel war. Vor Journalisten beteuerte Stoltenberg: "Mir ist der Vermerk vor seiner Veröffentlichung nicht bekannt gewesen." Auch das Bonner Finanzministerium bestätigte, daß die Leitung des Ministeriums die Vermerke nicht gekannt habe, es erklärte aber zugleich, daß die von dem Oberregierungsrat angestellten "Erwägungen in die Prüfung des BMF zur Ordnungsmäßigkeit des Verfahrens einbezogen wurden". Angelika Beer meint deshalb: "Wenn das Finanzministerium trotz ausdrucklicher Kenntnisnahme der brisanten Vermerke die Einstellung des OFD-Verfahrens gebilligt hat, haben sich Beamte einer Straftat schuldig gemacht, die Verantwortung hierfür muß der zuständige Minister übernehmen, da es sich nicht um private Verfehlungen einzelner Mitarbeiter handelt, sondern um die Befolgung einer damals von Stoltenberg ausgegebenen Generallinie."

Stoltenbergs politische Verantwortung wiegt um so schwerer, als er schon zu einem ganz frühen Zeitpunkt von dem umstrittenen U-Boot-Geschäft mit Südafrika erfahren hat. Der Aufsichtsratsvorsitzende von HDW, Ernst Pieper, zugleich Chef des damals noch bundeseigenen Salzgitter-Konzerns, hat Stoltenberg 1983 in einem ausführlichen Vermerk über alle Varianten des beabsichtigten U-Boot-Geschäfts unterrichtet.

Im Sommer 1985 informierte ihn schließlich Wirtschaftsminister Martin Bangemann, daß die Firmen tatsächlich U-Boot-Pläne nach Südafrika geliefert hatten. Bangemann übergab das Belastungsmaterial Stoltenberg, nachdem beide Ressorts entschieden hatten, nicht die Staatsanwaltschaft, sondern erst einmal die Oberfinanzdirektion Kiel mit Ermittlungen zu beauftragen. Der Finanzminister wies die OFD allerdings nur an, gegen IKL zu ermitteln, nicht aber gegen HDW, obwohl er sich doch an den Pieper-Vermerk hätte erinnern müssen. Der war schließlich so ungewöhnlich, daß man ihn kaum vergessen konnte. Immerhin war in dem Vermerk geschildert worden, über welche Umwege das Geschäft gegebenenfalls abgewickelt werden sollte.

Tatsächlich hatte Stoltenberg die Erinnerung an HDW auch nur vorübergehend verloren. Denn schon kurze Zeit, nachdem die OFD mit den Ermittlungen gegen IKL beauftragt wurde, unterrichtete Staatssekretär Hans Tietmeyer mit Stoltenbergs Zustimmung den HDW-Aufsichtsratsvorsitzenden Pieper, daß gegen IKL ermittelt wurde und daß auch HDW-Vorstandsmitglieder involviert sein könnten.