Als die Regierungschefs der zwölf EG-Länder Mitte Dezember des vergangenen Jahres das Selbstbestimmungsrecht für alle Deutschen akzeptierten, hörten nicht nur die Bewohner der Bundesrepublik und der DDR sehr genau zu. So meldeten sich schon einen Tag nach Verkündigung der Straßburger Formel, in Barcelona die Katalanen und in Vitoria die Basken zu Wort: Das autonome Parlament Katalaniens verabschiedete eine Resolution, wonach die Anerkennung der spanischen Verfassung "keinen Verzicht auf das Selbstbestimmungsrecht der Katalanen" bedeute. In einem "geeigneten Augenblick" – so die überraschende Ankündigung aus Barcelona – werde das katalanische Parlament im Rahmen der Verfassungsgesetze den "Grad der Selbstregierung" erhöhen.

Doch nicht nur die Katalanen, auch die in Nordspanien lebenden Basken münzten die aufgeflammte Diskussion über eine deutsche Wiedervereinigung in eigene Forderungen um: Die nationalistischen Parteien des baskischen Regionalparlaments wagten vergangene Woche einen ersten, sehr weitreichenden Schritt: Mit klarer Mehrheit bekräftigten sie gegen die Stimmen der Sozialisten-Fraktion, daß das "baskische Volk ein Recht auf Selbstbestimmung besitzt", das sich auf die "eigene Kultur, Geschichte und Sprache" der Basken berufen könne. Ausdrücklich wird in der baskischen Vier-Punkte-Erklärung die spanische Verfassung, die auf einen föderativ gegliederten Zentralstaat abzielt, "als nicht geeignet zum Ausbau der Selbstbestimmung" deklariert. Praktisch geben sich die Basken mit dieser Prinzipienerklärung selbst das Recht, eines Tages über eine Trennung der Region von der ungeliebten Metropole in Madrid zu entscheiden – und das, obwohl die alte Zentrale 1979 sehr weitgehende Selbstverwaltungsrechte gewährte.

Praktisch besitzen heute alle siebzehn Regionen des Landes Autonomiestatute, die sich an europäischen Verfassungen orientieren. Aber was steckt hinter dieser Diskussion, die sich ausgerechnet an der "deutschen Frage" entzündet, für deren Lösung der Spanier Felipe González in Straßburg so wacker eingetreten ist? In einer jüngst von der Tageszeitung El País veröffentlichten Umfrage rangieren die Spanier mit 73 Prozent knapp hinter den Deutschen bei der Antwort auf die Frage, ob es in Europa ein wiedervereinigtes Alemania geben soll. Nur sechs Prozent aller Befragten, die bei weitem niedrigste Quote, sprechen sich strikt gegen eine reunificación aus.

Diesem unbefangen artikulierten Postulat des Nationalismus widerspricht es offenbar nicht, wenn sich unter den größten spanischen Regionen zwei für mehr Unabhängigkeit und Selbständigkeit entscheiden: In den Beschlüssen der Katalanen und der Basken schlägt sich schließlich ja auch nur ein ausgesprochen nationalistisches Denken nieder, das sich primär an der eigenen Identität und erst in zweiter Linie am spanischen Gesamtstaat orientiert. "Ich bin zuerst Katalane und danach Spanier", meinte der katalanische Regionalpräsident Jordi Pujol im Verlauf einer hitzigen Fernsehdiskussion zu dieser Frage. Der moderne, für Europa aufgeschlossene Katalane sieht sich gerade durch das zusammenwachsende europäische Haus ermutigt, sich mehr denn je auf die eigene Sprache, auf die eigene Kultur und Geschichte zu berufen.

Heute werden Letten, Litauer und Balten besonders im baskischen Bilbao oder im katalanischen Barcelona aufmerksame Gesprächspartner finden; denn die Vorstöße zur Selbstbestimmung demonstrieren auch, daß die europäische Einigung mit einem allzu bürokratischen Gesetzes- und Normenvollzug Widerstand gerade in denjenigen Regionen provoziert, wo föderative Gedankfn fest verwurzelt sind. Gehört nicht auch zu der neu aufgeflammten Diskussion über das europäische Haus, daß deren Bewohner ein eigenes Interieur für sich beanspruchen können – die Hauptsache, man lebt friedlicher als bisher miteinander?

Volker Mauersberger (Madrid)