Von Hanns-Bruno Kammertöns

Das neue Jahr begann für Lieutenant Colonel Digby Willoughby nicht gerade gut. Er brach sich das Genick, zwei Halswirbel, um genau zu sein. Es passierte am „Shuttlecock“ („Federball“), der fünften Kurve des Geläufs. Entweder war der Schlitten im Shuttlecock zu hoch oder zu schnell, jedenfalls machte er, was er wollte, und trug Digby Willoughby in einem unangenehmen Bogen über die Bande. Das war Ende Januar.

Von dem, was dann kam, zeigten sich eigentlich alle im Clubhaus des St. Moritz Tobogganing Clubs überrascht, selbst die leidenschaftlichsten Anhänger kurzer Rekonvaleszenzen fanden es ziemlich amazing. Mr. Willoughby gab den Ärzten knapp drei Wochen, dann stand er auf und ging. Gestern wurde er zum ersten Mal wieder im Clubhaus gesehen. Mit ein paar Kilo Gips um den Hals stand der Mann an der Bar, rauchte und nahm einen Drink. Und heute ist alles schon wieder wie immer. Der „Cörnel“ erschien schon im Morgengrauen, wie üblich mit der schon etwas älteren Lammfelljacke, dem Halstuch und der Trillerpfeife, und nahm seine Amtsgeschäfte wieder auf.

Offiziell wirkt Mr. Willoughby als Erster Sekretär des St. Moritz Tobogganing Club, tatsächlich leistet er weit mehr: Er verteidigt den letzten Hort des britischen Empire im Großraum der Alpen gegen jeden störenden kontinentalen Einfluß. Anvertraut ist ihm neben dem Clubhaus vor allem eine vereiste Schlittenbahn, die über 1212,5 Meter von St. Moritz nach Celerina führt und die für sich beansprucht, der einzige „Cresta-Run“ der Welt zu sein.

Daß ungeachtet solcher Einmaligkeit bei dem Begriff Cresta noch immer ein gewisser Erklärungsbedarf bleibt, liegt vermutlich daran, daß die Mitglieder des Tobogganing Clubs eigentlich nie besonders intensive Beziehungen zur Außenwelt unterhielten. Schon damals, vor gut hundert Jahren, als ein paar Engländer, ursprünglich zwecks Linderung von Lungenleiden nach St. Moritz gereist, in ihrer Langeweile auf den Schlitten kamen, stießen sich die Welten eher hart im Engadiner Raum. Die mehrheitlich doch eher sehr in sich ruhenden Bergbauern schüttelten den Kopf, als sie die ersten Briten mittels Kufen zum Tal schlittern sahen.

Doch dank der innovativen Kraft dieser Insulaner, die bei anderer Gelegenheit durch den Rückgriff auf runde Steine bereits Curling erfunden hatten, nahm die Entwicklung ihren Lauf. Begünstigt wurde sie durch einen gewissen Mister L.P. Child aus New York, einen Mann mit ähnlicher Interessenlage. Er hatte einen Schlitten mitgebracht, der den Briten auf Anhieb gefiel, ein niedriges Gefährt von sparsamem Komfort, Toboggan genannt, das nordamerikanische Indianer gerne benutzten, um Fleisch und Felle zu befördern. Konsequenterweise gründete 1887 ein britischer Major den Tobogganing Club, in der Gründungsurkunde ist festgehalten: „Ziel des Clubs soll die Veranstaltung von Rennen und Übungsfahrten auf der Cresta-Strecke sein.“

An diesem Inhalt hat sich bis heute ebensowenig etwas geändert wie an der Tatsache, daß Briten im Club das Sagen haben. Von dem Wort Cresta einmal abgesehen, das rätoromanisch soviel wie Hügel heißt, kommt man längs des Runs am besten mit Oxford-Englisch aus. Die Präsidenten vergangener Jahre, Lord Brabazon of Tara oder Air Vice-Marshal R.A. Ramsay Rae, standen erwartungsgemäß zunächst im Dienste ihrer Majestät, bewährten sich auf Schlachtfeldern, bevor sie erwägen konnten, sich an die Spitze des Tobogganing Clubs zu verändern.