Man hört gelegentlich das Vorurteil, die Entwicklung der Literatur sei vcn Urbanität abhängig, wenn nicht gar durch sie bedingt; das Leben auf dem Land ergebe keine literaturfähigen Sujets. Die Meinung ist nicht neu, und sie ist auch nicht sonderlich differenziert. Gertrude Stein hat dazu folgende Bemerkung gemacht: „Nichts geschieht in der Stadt. Alles geschieht auf dem Land. Die Stadt erzählt nur, was auf dem Land geschehen ist, es ist bereits auf dem Land geschehen.“

Natürlich, Geschichten vom Land sind oft unscheinbar und verhalten, so wie Beverly Nichols’ „Das Dorf im Tal“ (rororo 12574, deutsche Erstausgabe 1984, 8,80 DM), eine leise Geschichte „von sich öffnenden und sich schließenden Türen, die auf stille Gassen führen, von dem Rauch, der zu dem wolkenlosen Himmel aufsteigt, und von geflüsterten Worten, die nichts Besonderes besagen und die der Wind über weite Felder und breite Bäche weiterträgt“. Und gleich weiter im Zitat: „Eine Geschichte? Vielleicht nicht einmal das. Denn eine Geschichte hat einen Aufbau. Sie hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Aber ursere Erzählung hat weder einen Anfang noch eine Mitte und gar kein Ende. Ebensowenig wie die wilden Rosenbüsche, die sich den Wiesenpfad entlang ziehen, der bis zu dem Hügel oberhalb des im Grünen liegenden Dörfchens führt. Man gibt sich damit zufrieden, daß sie vermutlich irgendwo ihren Anfang nehmen, ohne sich weiter den Kopf darüber zu zerbrechen.“

Die ruhige Selbstverständlichkeit des Lands präfiguriert also in gewisser Weise seine eigene Erzählbarkeit – und deren unprätentiöse Schlichtheit ist in den Erzählungen und Legenden Leo N. Tolstojs so klassisch geworden, wie ihr Titel sprichwörtlich: „Wieviel Erde braucht der Mensch?“ (Insel tb 1198, dt. EA 1961; 9,– DM). Vom mühsamen, ganz unromantischen Leben im bayerischen Hinterland erzählen realistisch sowohl Lena Christ in ihren Geschichten „Bauern“ (dtv 11169, EA 1970: 7,80 DM) als auch Ruth Rehmann in ihrem Roman „Die Schwaigerin“ (dtv 11144, EA 1987; 9,80 DM), der die Lebensgeschichte einer Chiemgauer Bäuerin bietet.

Gebrochen durch einen reflektiert-urbanen Blick, also von der Stadt aus erzählt, sind Alois Brandstetters autobiographische Skizzen seiner Kindheit in einem österreichischen Dorf, „Vom Schnee der vergangenen Jahre“ (dtv 11149, EA 1979; 7,80 DM).

Der Gegensatz von Stadt und Land, Entfremdung und Heimat, Nervosität und Ausgeglichenheit, beherrscht als literarischer Topos fast alle Werke Knut Hamsuns: „Segen der Erde“ (dtv 11055, dt. EA 1951; 9,80 DM), „Pan/Schwärmer/Die Nachbarstadt“ (dtv 11095, dt. EA 1972; 9,80 DM), „Victoria“ (dtv 11107, dt. EA 1948; 6,80 DM), „Unter Herbststernen/Gedämpftes Saitenspiel/Die letzte Freude“ (dtv 11122, dt. EA 1958; 14,80 DM) und „Mysterien“ (dtv 11157, dt. EA 1958; 9,80 DM). Alles geschieht auf dem Land – das ist Hamsuns großes Thema, und seine Protagonisten verstehen es, weil sie „die Welt“ erfahren haben: „Nun, Inger ist auf das weite Meer hinausgesegelt, sie ist in der Stadt gewesen, jetzt ist sie wieder daheim. Die Welt ist weit, es wimmelt auf ihr von Punkten, Inger hat mitgewimmelt. Sie war beinahe ein Nichts unter den Menschen, nur ein einzelner unter ihnen. Und nun wird es Abend.“

Hamsun war, so notierte Henry Miller, „für meine Generation wohl das gewesen, was Dickens für die Leser seiner Zeit war. Wir lasen einfach alles, was er schrieb, und verlangten immer noch mehr.“ Auch durch John Updikes kleinen Roman – vielleicht seinen schönsten – „Auf der Farm“ (rororo 12570, dt. EA 1969; 7,80 DM) weht ein Hauch Hamsuns. Wie Updike die simple Tätigkeit des Mähens eines Feldes poetisch und erotisch auflädt, ist ein erzählerisches Kabinettstück – es kommt ja nie und nirgends auf den Gegenstand an, sondern darauf, was der Erzähler mit und aus diesem Gegenstand macht.

Günter Kunerts Gedichte „Berlin beizeiten“ (Fischer TB 9567, EA 1987; 10,80 DM) nutzen gleichfalls das Spannungsverhältnis von Stadt und Land: Den Berlin-Gedichten folgen jene „Vom Landleben“ – und „Sommerabend“ thematisiert exemplarisch die Insuffizienz von Sprache gegenüber der Erfahrung von Natur: „Keiner kann diese Stunde beschreiben: Wenn allein die Schatten merken / wie die Sonne sinkt. Tiefgrüne / Schatten aus Laub und Stille.“ Der Biochemiker Erwin Chargaff hat sowohl in seinen autobiographischen Fragmenten „Das Feuer des Heraklit“ (Luchterhand SL 844, EA 1979; 16,80 DM) als auch in seinen Essays „Unbegreifliches Geheimnis“ (SL 849, EA 1980; 15,80 DM) selbstkritisch darauf hingewiesen, daß nicht die Naturwissenschaft, die „einen vernichtenden Kolonialkrieg gegen die Natur unternommen“ habe, diese adäquat erklären könne; vielmehr sei es immer noch – und heute erst recht – Sache der Kunst und Literatur, Leben und Natur zu begreifen und darzustellen.