Der Chemiekonzern Enimont droht am Streit zwischen den Partnern zu zerbrechen

Von Friedhelm Gröteke

Ich beherrsche die italienische Chemie. Ich fordere, daß man auf mich hört!“ Mit diesen selbstbewußten Worten ging am vergangenen Wochenende Raul Gardini, Präsident und Mitaktionär der Ferruzzi Finanziaria, an die Öffentlichkeit. Ganz anderer Ansicht zu diesem Thema ist der italienische Ministerpräsident Guilio Andreotti. Er lud Gardini während der vergangenen vierzehn Tage zweimal zu Unterredungen nach Rom und erklärte ihm, daß die italienische Staatswirtschaft keinesfalls auf ihre strategische Rolle in der Grundstoffchemie verzichten werde. Anlaß des Streits ist eine Ehe zwischen ungleichen Partnern.

Raul Gardini eroberte vor drei Jahren in einem Handstreich den größten italienischen Chemiekonzern Montedison in Mailand. Damit ist die Familie Ferruzzi-Gardini aus der kleinen Adriastadt Ravenna zur Eigentümerin des zweitgrößten privaten italienischen Wirtschaftskonglomerats nach dem der Fiatdynastie Agnelli aufgestiegen. Gardini will die führenden Positionen seiner Gruppe in der europäischen Nahrungsmittelindustrie – er ist der Größte bei Zucker, Stärke, Reis und Soja – mit der Chemie verbinden. Er will aber auch direkt der Größte in der italienischen Chemie sein. Deshalb riskierte es der Montedison-Präsident, die von ihm kontrollierte Hälfte der italienischen Grundstoffchemie in einem Jointventure mit der von der staatlichen Gruppe ENI betriebenen anderen Hälfte zu verbinden. Nach dem Vertrag sind die beiden Partner von Enimont genau gleichberechtigt. In der Praxis haben sie sich seit Monaten zerstritten, weil Raul Gardini den Staatsmanagern Unfähigkeit vorwirft und die Alleinherrschaft fordert. Umsonst versuchte die Regierung zu vermitteln, und auch Drohen half nichts. Nun geht es um alles oder nichts: Kann Italiens Chemieindustrie international konkurrenzfähig bleiben?

Beim letzten vereinbarten Diskussionstreff am vergangenen Wochenende warteten die staatswirtschaftlichen Partner vergebens auf Raul Gardini. Doch der erschien nicht, unentschuldigt. Dafür ließ er tags darauf erklären, daß drei gute Geschäftsfreunde ihm nun die Kapitalmehrheit bei der Enimont gesichert hätten.

In der Erkenntnis, daß Italiens Chemiewirtschaft nur vereint gegen die internationalen Cheniekonzerne bestehen kann, hatte der staatliche Energiekonzern ENI in Übereinkunft mit Gardini am 1. Januar 1989 seine Kapazitäten der Grundstoffchemie mit dem überwiegenden Teil der Montedison-Produktion zusammengelegt. Die neue Gesellschaft Enimont sollte nach dem Grüneungsvertrag zunächst drei Jahre lang von den Partnern gemeinsam geführt werden. Sie trat mit einem Jahresumsatz von zwanzig Milliarden Mark an – und mit der angenehmen Gewißheit, auf eirigen wichtigen Produktionsgebieten wie etwa der Polyäthylenherstellung und der Düngemittelerzeugung der Größte in Europa, bei der Acrylfaserfertigung sogar Nummers eins auf dem Weltmarkt zu sein.

Beim Start des Joint-venture blieben allerdings einige Dinge ungeklärt. Die Partner hatten, erstens, noch zu bestimmen, wer das Management über die einzelnen Bereiche des neuen Konzerns ibernehmen sollte.