Ist dies schon Tollheit, so hat es doch Methode: Nicht einmal das ließ sich noch von des Kanzlers Krämpfen in der Frage der polnischen Westgrenze behaupten. Jedermann wußte es, fast alle sagten es: Ohne eine vorausgehende und eindeutige Festlegung auf die Oder-Neiße-Grenze wird es keine deutsche Einheit geben. Doch Helmut Kohl redete einem Teil seiner Klientel bis in die letzten Tage noch ein, politische Klarheit könne nur von einem gesamtdeutschen Parlament geschaffen werden. Selbst wenn er glaubte, sich durch solche Horizontschleichereien Ärger am rechten Rand seiner Union vom Halse halten zu können – diese Spekulation ging immer mehr zu Lasten unserer Nation.

Und immer deutlicher zeichnete sich folgende Zwangslage ab: Wenn es denn nicht mit, sondern nur gegen Kohl möglich ist – der Stein des Anstoßes gehört aus dem Weg. Alsbald nach der Volkskammerwahl in der DDR müssen die beiden deutschen Parlamente übereinstimmend die polnische Westgrenze anerkennen. Es darf doch nicht dahin kommen, daß diese kardinale Voraussetzung einer deutschen Einigung den Westdeutschen von den ehemaligen Siegermächten abgerungen werden muß, als seien wir außerstande, das Gebot der Stunde aus freien Stücken zu erfüllen. Die Parlamente als Schrittmacher, so wollten es nicht nur die Opposition und der Außenminister, sondern auch Bundestagspräsidentin Süssmuth (CDU).

In letzter Minute schickte der Kanzler nun seinen Amtschef Seiters mit der Erklärung vor, auch die Bundesregierung unterstütze eine solche gemeinsame Resolution. Ein paar Tage früher, und der Kanzler hätte es sich zumindest ersparen können, in dieser Frage von Präsident Bush in Camp David der Weltpresse vorgeführt zu werden.

Wie einfach wäre es doch für Helmut Kohl gewesen, in seinem Zehn-Punkte-Plan großmütig zu sagen: Nun, da die Einheit möglich wird, müssen unsere alten Vorbehalte fallen. Jetzt ist alles zur Kleinlichkeit zerredet. R. L.