Von Jürgen Dahl

Denn die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand, deklamierte der Nachbarbauer vom Trecker herab, als er uns half, die Pappeln aus dem Weg zu räumen, die der Orkan umgerissen hatte. In den Stalldächern klafften große Löcher, und auf der Obstwiese sind ein paar Apfelbäume entwurzelt worden, die freilich ohnehin als „abgängig“ galten, wie der rüde Fachausdruck lautet, und deren Früchte nur den Gänsen schmeckten. Nun ist Platz für neue Sorten, das heißt: für alte wie die Schafsnase oder den Winterrambour.

So ein Sturm kann also auch sein Gutes haben. Aber während er tobt, bangt der Gärtner um manche seiner Schätze und vermag wohl auch die Angst und den ohnmächtigen Zorn nachzuempfinden, die man früher der gewalttätigen Natur gegenüber hegte. Unser Begriff von Natur hat sich ja in dem gleichen Maße romantisch verklärt, wie der Schutz vor den Unbilden technisch perfektioniert und das Assekuranzwesen zur Lückenlosigkeit entwickelt wurde. Wenn man dann die Bäume stürzen sieht und die Dachpfannen scheppern hört, fallen einem im Zusammenhang mit dem Wort Natur doch auch wieder Begriffe wie Kampf und Macht und Haß ein, und manche Parole vom sanftmütigen Umgang mit der Natur klingt plötzlich ganz hohl.

Auch den Spazierstockkohl hat es erwischt, was um so beklagenswerter ist, als ich davon keinen Samen mehr besitze. Also ist das Folgende, zumindest vorläufig, ein Nekrolog auf dieses absonderliche Gewächs:

Wie alle unsere anderen Kohlsorten (vom Brockoli bis zum Rotkohl, vom Wirsing bis zum Kohlrabi) ist der Spazierstockkohl nichts anderes als eine von vielen Kulturformen jenes Wildkohls (Brassica oleracea), der heute noch an den Küsten des Atlantiks und des Mittelmeers zu finden ist. In Jahrhunderten züchterischen Bemühens hat man ihn dazu gebracht, jeweils einen Teil von sich (den Blütenstand, die Blattknospen oder die Blätter) derart zu stauchen, aufzutreiben oder zu plissieren, daß ein brauchbares Gemüse daraus wurde. Auch der Stamm zeigt diese wundersame Bereitschaft zu vielfältiger Abänderung: Beim Spazierstockkohl ist er unmäßig verlängert, wird schon im ersten Jahr mehr als zwei Meter hoch und kann im zweiten noch einmal zulegen; dann blüht er und stirbt ab.

Die Spielart wurde vor 200 Jahren auf den englischen Kanalinseln erzeugt, man kultiviert sie dort als Walking stick cabbage und verkauft die derb verholzten Stämme den Touristen als Souvenir.

Nun also ist das schöne Stück dahin, der Stützpfahl war zu schwach. Aber die Lebenskraft des Kohls bewährt sich noch auf andere Art als die des strotzenden Wachstums seiner wandelbaren Teile: Der kleinste Seitentrieb, in ein Glas Wasser gestellt, bildet binnen weniger Tage an der Schnittstelle zunächst einen Kallus, ein Wundgewebe von amorphem Charakter, und treibt dann bald aus diesem Wulst frische weiße Wurzeln nach allen Seiten. Die neue Pflanze, die so entsteht, bringt, wenn man Glück hat, Blüten hervor, und bei noch mehr Glück reifen dann sogar die Samen.