Von Helga Hirsch

Von der Entbindungsklinik trug sie Josif nach Hause und versuchte, ihn im Garten zu vergraben. Nachbarn entdeckten sie dabei und brachten Josif ins Waisenhaus. Nach einem Jahr kam sie, um ihn abzuholen – doch schon am Nachmittag fand man ihn in der Mülltonne am Rathausmarkt. Seitdem hat Josif das Waisenhaus nicht mehr verlassen. Er ist fünf Jahre alt und sieht aus wie drei. Er spricht sechs Wörter und zählt zu den vier von vierundvierzig Kleinkindern, die laufen können und schon mit dem Löffel essen. Wenn er die Scheu überwindet, lachen seine dunklen Augen. "Das fehlt noch", scherzt die Betreuerin, "daß der Besuch mit dir spielt."

Die 64 Waisenhäuser Rumäniens sind voll mit Tausenden von Kindern, die keine Waisen sind. Denn Rumäniens Waisenhäuser sind Abstellkammern für Kinder. Für Kinder von Müttern, denen die Abtreibung mißlang, oder die selber nur vegetieren.

Tudor kam direkt aus dem Krankenhaus, wo ihn seine Mutter zurückließ, als sie auf Nimmerwiedersehen verschwand. Anca wurde von einer Dame eingeliefert, die das vier Monate alte Baby nur halten sollte, solange die Mutter in der Bahnhofsvorhalle telephonierte. Die Mutter kehrte nicht zurück. Nur eines der 140 Kleinkinder in der Strada Vaselor von Bukarest hat keine Eltern, bei allen übrigen sind zumindest die Mütter bekannt. Manchmal erscheinen sie nach einiger Zeit und holen ihr Baby doch noch zu sich. Und jeden Monat melden sich zwei oder drei Ehepaare, die ein Kind adoptieren wollen. Wer bleibt, hat nie gelebt.

Das Waisenhaus in Schäßburg (Siebenbürgen) beherbergt im Durchschnitt fünfzig Kinder im Alter zwischen einem und drei Jahren. Nicht einmal fünf von ihnen können laufen. Die meisten verbringen Tag und Nacht in ihren Gitterbettchen. Ein halber Quadratmeter Lebensraum. Jeweils zehn Betten stehen in einer Reihe, die Längsseiten wie aneinandergeklebt, damit die Kleinen nicht herausfallen. Ein um den Bauch geschlungener Baumwollstreifen hält sie am Gitter fest. Zwei Schritte nach rechts, zwei Schritte nach links, das ist ihre ganze Welt, ihre ganze Freiheit. Alle drei Stunden werden sie gewickelt und gefüttert. Mit ihnen zu spielen, fehlt den Betreuerinnen die Zeit. Eine ist für mehr als zwanzig Kinder zuständig, und den Umgang mit ihnen hat sie genausowenig gelernt, wie die Kinder die Hinwendung nach außen gelernt haben. Nach der Revolution im Dezember kamen Kleidung und Nahrung aus dem Ausland, aber "nicht jedem geben wir ein Spielzeug, das würde einige nur erschrecken".

Das Kinderheim in Schäßburg. Drei Räume voller Käfige. Die Kleinen schreien kaum, und sie lachen kaum. Einige scheinen sich zu freuen, wenn die Besucherin ihnen über den Kopf streicht, andere wenden sich erschreckt ab oder bleiben unberührt. Mit übergroßen Augen in schmalen Gesichtern starren sie ins Leere. Sie mußten lernen, sich selbst zu genügen, Einsamkeit zu ertragen, sich selbst zu beruhigen. Tudor klammert sich mit beiden Händchen am Gitter fest, auf zittrigen Beinen wiegt er sich monoton von rechts nach links, von links nach rechts. Die gleichaltrige Oana neben ihm kann nicht stehen. Sie kniet auf allen vieren und schaukelt vor und zurück, vor und zurück. Bodu liegt platt auf dem Bauch, die Händchen weit von sich gespreizt. Mit der Stirn schlägt er rhythmisch auf die Matratze. "Hospitalismus", sagt die Krankenschwester, damit das Elend einen Namen hat.

13,5 Lei (etwa eine Mark) stehen pro Kind und Tag für Essen und Arzneimittel zur Verfügung. Es gab Perioden, da reichte es nur für Kartoffeln und Brei. Es fehlt an Fleisch, an Gemüse, Obst, Milch. "Wer helfen will", meint die Ärztin aus der Strada Vaselor, "soll das Grundlegende schicken: Eisen- und Kalziumpräparate, Vitamine, Proteine, Stärkungsmittel. Sirup gegen Bronchitis, Antibiotika."