ARD, Sonntag, 4., Mittwoch, 7., Sonntag, 11., und Mittwoch, 14. März, jeweils um 20.15 Uhr: „Rote Erde II“

Vier neue Folgen einer Fernsehserie, deren erste neun Teile bereits 1983 liefen und seit Januar dieses Jahres wiederholt werden. Die neue Staffel setzt die Chronik aus dem Bergarbeiterleben fort – von der französischen Besetzung des Ruhrgebietes nach dem Ersten Weltkrieg bis zur Restauration der alten Besitzverhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg –, die Zeche „Siegfried“ und die von ihr leben stehen im Zentrum dieser Szenen aus Deutschland.

Es sind quasi dokumentarische Szenen, die keinen straffen Handlungsfaden spinnen wollen, sondern sich darauf beschränken, eine abwechslungsreiche, eine unterhaltsame Folge von Bildern zu geben. Ihr Zusammenhang ist nicht mehr und nicht weniger als dieser Bergarbeiteralltag, Arbeit, Familie, Politik. Ein treuliches Genrebild, aufwendige Kulissen, gute Schauspieler, viel Milieu, viel Untertagestaub und nackte Männerbrüste, Saufereien, heftiges Liebemachen. Es geht recht proletarisch-gesund zu: viel Pathos, viel Männerkraft und Erdenwärme.

Der Regisseur Klaus Emmerich und sein Szenarist Peter Stripp stellen jedem der vier neuen Teile ein paar Sätze lapidaren Handlungsvorwurfs voran, ganz so, wie es Brecht mit seinen epischen Bühnenstücken tat. Nur: Bei Brecht war es wirklich eine Art Understatement, war es Schein-Chronik mit der Absicht, die Fabel zu kaschieren. Bei Stripp und Emmerich scheint es solch eine Fabel nicht zu geben, dafür schimmert die politische Absicht um so deutlicher durch. Die Absicht, rote Erde zu entdecken, wo Erde nun mal braun ist.

Emmerich liebt nicht nur das Bergarbeitermilieu, in dem er aufgewachsen ist, er hat auch eine schwierige Kindheitsgeschichte zu verarbeiten, und so lebt das, was hier Handlung ist, von Motiven innerfamiliärer Zerwürfnisse, die, aufs ganze gesehen, so viel und so wenig dramaturgischen Sinn machen wie das innerfamiliäre Hin und Her in anderen Familienserien auch.

Ein Protagonist darf Nazi werden, darf um der historischen Gerechtigkeit willen fehlgehen und danach ob seines Fehls zerknirscht verstummen. Aber weshalb er Nazi wurde, was seine nationalsozialistische Begeisterung ausmachte, bleibt von Beginn an unverständlich. So eben schafft man keine Annäherung, sondern vergrößert nur die Distanz: kein Nazi, mit dem man sich auch als Nazi identifizieren könnte. Dafür aber ein Finsterling von Betriebsleiter, der einmal Obersturmbannführer war, eine Unfigur wie aus einem schlechten Defa-Film.

Trotz der wunderbaren Leistungen der jungen Darsteller Hans Czypionka, Nina Petri, Margerita Broich, Klaus J. Behrend bleibt das Ganze mit Geschichtchen ausgestopfte Geschichte, gehobene Unterhaltung in authentischer Kulisse, also gerade das, was „die Leute gern sehen“. Der „Roten Erde II“ werden aller Voraussicht nach wieder ähnlich hohe Einschaltquoten beschieden sein wie der ersten Staffel dieser Serie. Warum also sollte man nicht weiterproduzieren? Peter Stripp hat schon eine Idee: „Die Nachkommen ... führen in einem gigantischen Vergnügungspark auf dem Gelände verrotteter Zechen als High-Tech-Yuppies ... endlich ein unbeschwertes Leben.“

Martin Ahrends