Paul Nitze, Amerikas ungewöhnlichster Staatsdiener, zieht Bilanz

Von Christoph Bertram

Bonn, Ende Februar

Der elegante, weißhaarige Gentleman in den hellen Räumen der Atlantik-Brücke, einem Verein zur Förderung der deutschamerikanischen Beziehungen, hat kürzlich von sich selbst gesagt, er sei "ein ungewöhnlich glücklicher Mensch in einer schwierigen Zeit". Paul Nitze, der am 20. Februar in Bonn den Eric Warburg-Preis erhielt, ist jedoch alles andere als ein gelassener Pensionär. Auch mit 83 Jahren würde er es vorziehen, an den Kommandohebeln in Washington zu hantieren, anstatt Ehrungen entgegenzunehmen und Dankesreden zu halten. Seit fast fünfzig Jahren war er Dränger und Macher, Lobbyist und Staatsdiener in Sachen Rüstung und Abrüstung. Und noch merkt man ihm an, wie verletzt er war, daß die Regierung Bush ihn im Januar 1989 aus dem Amt komplimentierte. Bush ist der erste Präsident seit Franklin Roosevelt, der meint, auf Paul Nitze verzichten zu können.

Ist seine Aufgabe getan, sein Werk vollbracht, der Kalte Krieg vorüber? Ungeduldig wischt Nitze Vermutungen beiseite, die Welt habe sich grundlegend geändert, nur weil in Moskau eine neue, realistische Führung an der Macht sei. Natürlich, die Bedrohung hat nachgelassen. Vor seinem Bonner Besuch war er in Moskau und Leningrad. "Niemand kann vorhersagen, was weiter wird." Er will nicht ausschließen, daß die Sowjetunion eines Tages wieder zu einer großen Supermacht wird. Aber unter dem Eindruck der sowjetischen Krise scheint ihm zunächst anderes wahrscheinlicher: a complete mess, ein völliges Durcheinander.

Nüchterner Faktensinn

Seit vierzig Jahren hat Nitze immer wieder vor sowjetischer Bedrohung gewarnt. Als Planungschef im State Department unter Truman entwarf er 1950 das Grundkonzept für die militärische Eindämmung der Sowjetunion: Der Verteidigungshaushalt wurde fast vervierfacht, 1954 zum "Jahr der größten zu erwartenden Gefahr" deklariert. Die Regierung Eisenhower bedrängte Nitze, wieder Privatmann, mit Warnungen vor sowjetischem Nuklearvorsprung und amerikanischem Rückstand. Er gehörte zu den Entdeckern jener "Raketen-Lücke", mit deren Hilfe Präsident Kennedy den Wahlkampf 1960 gewann, bevor sie im Licht der Fakten wieder verschwand.