Alle reden über Deutschland, wir auch. Doch gibt es viel erstaunlichere Dinge. Das Wetter zum Beispiel. An der Alster blühen die Zierkirschen, Ulrich Wildgruber stürmt an den Krokusfeldern vorbei mit flatternden Mantelschößen und memoriert den "Theatermacher".

Ach, dieser Sommer mitten im Februar... Heute zwar tobt des Frühlings Erwachen mit zwölf Windstärken daher, aber das Grün bricht aus den Zweigen. Wir glauben es kaum, daß wir (genau vier Jahre ist es her) auf der Alster Schlittschuh gelaufen sind, in gezügelter Meisterschaft sozusagen, obgleich wir zugeben müssen: So blutvoll, so glutvoll wie Katarina Witt waren wir damals im eiskalten Februar nicht.

An Kati denken wir oft, eigentlich immer. In letzter Zeit aber ganz besonders. Diese unzeitige Erwärmung, dieses Hinschmelzen des Eises, noch bevor es überhaupt fror! Das ist kein gutes Klima für eine Eisprinzessin. "Carmen on Ice" (zu deutsch etwa: Das Lied vom Eis) heißt ihr erster Film, und die Westpresse sagt, er ist ein Flop. Kati sagt, die Westpresse ist dran schuld, daß er ein Flop ist. "Sie haben mich hochgejubelt, als es ihnen in den Kram paßte, jetzt versuchen sie, mich kaputtzumachen."

Ja, wenn der Frühling kommt, wenn Eisen, Stein und Marmor bricht, dann hilft auch die Goldmedaille nicht. Wo kein Eis ist, da ist auch kein Rittberger. Und wo kein Rittberger ist, da droht der Morgenstern. Der Dichter spricht: "Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis / Und träumte von Liebe und Freude / Es war an dem Stadtwall, und schneeweiß / Glänzten die Stadtwallgebäude / Der Seufzer dacht an ein Maidelein / Und blieb erglühend stehen / Da schmolz die Eisbahn unter ihm ein – / Und er sank – und ward nimmer gesehen."

Wie oft haben wir nach dir geseufzt, du schönes Lied vom Eis! Wie gerne denken wir an damals zurück, als es noch kalt war und alles so, wie seit vierzig Jahren gewohnt. Kati drehte Pirouetten, unsere Liebe war stark, und die Mauer wankte nicht. Jetzt hingegen im Treibhaus-Schock und im Deutschland-Sturm: Alles fließt und schmilzt, es bläst so lind und wild, das Ozon hat ein Loch, die Mauer hat ein Loch und unsre Sehnsucht auch. Sie sank – und ward nimmer gesehen. Finis