Von Bartholomäus Grill

Der Kommunismus ist zusammengebrochen, Jimi Hendrix lebt nicht mehr, und die Winter sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. "Kaum Schnee in den Alpen", jammerten die Hoteliers, Liftbetreiber und Touristenmanager im Chor. "Kein Brettlzauber", stimmten Zehntausende von Skifahrern klagend ein. Was tut der gestreßte Stadtmensch, der aus grauer Metropole in die Bergwelt reist und sich um all seine Kinderwinter-Träume gebracht sieht? Er wählt ein Unternehmen, das den Launen des Wettergottes weniger ausgesetzt ist: das Skispringen.

Der einzige Ort in den Alpen, der ein solches Talfahrtskommando anbietet, heißt Bad Goisern, ein schmucker Flecken im inneren Salzkammer gut/Oberösterreich. Dort steht eine Großschanze (Schanzenrekord: 92 Meter), die mancher alte Springer als die schönste der Welt rühmt. Vor dem gewaltigen Schanzentisch steht Sepp Lichtenegger, seines Zeichens mehrfacher österreichischer Skisprungmeister und einmal, es war im Jahr 1966, zweiter der Vierschanzentournee, gleich hinter dem legendären Björn Wirkola.

Sepp Lichtenegger ist also der richtige Mann, um dem Gast, der auszog, das Fürchten zu verlernen, zunächst einmal den Leichtsinn auszutreiben. "Ausgeschlossen", sagt er, "da kannst ned springa." Warum? Weil zwar Schnee auf der Anlage liegt, aber viel zu wenig. Der Aufsprung ist beinhart, der Auslauf spiegelglatt. Man würde sich "darennen". Wir schauen hinunter auf die Eisplatte und stellen uns vor, wie der sportive Gau aussähe: An irgendeiner der Fichten dort unten würde der waghalsige Sportsmann kleben – flach wie ein Palatschinken, denkt sich der Älpler, platt wie eine Flunder, der Flachländer.

Also wechseln wir die Fazilität und gehen dorthin, wo die Jugend die Weitenjagd trainiert. Doch, o Graus, auch die Kleinschanze ist in einem Zustand, der um Leib und Leben fürchten läßt. "I fetz’ da nicht drüber", erklärt der Sepp kategorisch und schildert drastisch, wie es einem bei einem Sturz auf dem Eisbeton die Haut abziehen und die Knochen zerhauen würde. "Das mag für ältere Semester gelten", erwidert der unbelehrbare Schüler und drängt den Lehrer zur Lehre.

Man muß nur die Angst vorm Fliegen überwinden, diesen Augenblick, an dem man mit Knieschwammen oben steht und sich fragt, warum man nicht daheim in Hamburg geblieben ist und friedlich um die Außenalster spaziert. Allein, jetzt gibt es kein Zurück mehr: Man schlägt drei Kreuze, grätscht in den Anlauf, geht in die Hocke und legt die Arme nach hinten. Der Fahrtwind pfeift, der Abgrund nähert sich.

"Ein Gruseln ging durch meinen Körper... Abspringen! Abspringen! Das war der einzige Gedanke, der mich auf dieser Fahrt bewegte ... Jetzt konnte ich mich auf die Luft legen! Ruhig zog ich nun weiter, weiter, weiter... Jetzt flog ich rasch in die Tiefe. Schnell kam der Aufsprung näher, und nur ein Gedanke beseelte mich mehr: ‚Nicht stürzen!’" So fühlte Bubi Bradl bei seinem Weltmeistersprung am 19. Februar 1939 in Zakopane. So ähnlich ergeht es dem Eleven am 27. Jänner in Bad Goisern. Gleichwohl: Die Weite des Champions zu der des Anfängers verhält sich wie ein Panthersatz zum Katzensprung.