Die Entwicklung des Tourismus in der DDR beschäftigt zunehmend die Politiker in Bonn. Einigkeit herrscht hinsichtlich der großen Bedeutung des Fremdenverkehrs für den anderen deutschen Staat. Über das „wie“ und das „wie schnell“ gehen die Meinungen aber weit auseinander.

Der Berliner Bundestagsabgeordnete Gerhard Schulze, Obmann für Deutschlandpolitik und Berlin-Fragen der CDU/CSU-Fraktion, fürchtet, daß „der erhebliche Anstieg des touristischen Reiseverkehrs in die DDR die bisherigen Kapazitäten weit übersteigen wird“.

Er fordert deshalb einen „raschen Ausbau der gastronomischen Kapazitäten und die Instandsetzung vorhandener Ferienheime, Gaststätten und Hotels“. Eine „relativ zügige Verbesserung der touristischen Angebote“ ließe sich auch durch den „Ausbau vorhandener Campingplätze nach den Qualitäts- und Serviceerwartungen westlicher Besucher“ erreichen.

Der CDU-Politiker setzt voll auf die Marktwirtschaft: „Nur eine grundlegende Entbürokratisierung, Regionalisierung und Privatisierung des touristischen Bereichs im Gebiet der DDR kann den künftigen Anforderungen gerecht werden.“

Helfen soll dabei auch eine dicke Geldspritze aus Bonn: Nach den Worten des parlamentarischen Staatssekretärs im Innerdeutschen Ministerium, Ottfried Hennig, will die Bundesregierung „für Investitionen im Tourismusbereich zinsgünstige ERP-Kredite zur Verfügung stellen“. Von den insgesamt sechs Milliarden Mark für die Jahre 1990 bis 1993 sollen 700 Millionen Mark für den „Förderschwerpunkt Tourismus“ aufgewendet werden. In den Genuß dieser Kredite mit günstigen Zinsen und langen Laufzeiten sollen vor allem kleine und mittlere Unternehmen kommen.

Ganz andere Vorstellungen von der Entwicklungsgeschwindigkeit des Fremdenverkehrs im neuentdeckten Reiseland DDR haben die Grünen. Ihnen sind Begriffe wie „rasch“ und „kurzfristig“ in diesem Zusammenhang mehr als suspekt. Die Obfrau der Grünen im Unterausschuß Fremdenverkehr des Bundestages, Hannelore Saibold, fordert: „Eine langsame, sorgfältige und umweltverträgliche Entwicklung des Tourismus in der DDR muß im Interesse aller Beteiligten liegen“ Sie verlangt einen „Tourismus mit Einsicht“.

Hoffnungen setzen die Grünen in das neue Tourismusministerium der DDR, das einen „touristischen Masterplan“ angekündigt hat. Dieser müsse, fordert Frau Saibold, „unbedingt nach ökologischen und sozial/erträglichen Kriterien erstellt werden“, um alte Fehler, wie sie in westlichen Urlaubsländern gemacht wurden, zu vermeiden. Die Erstellung des Masterplans solle deshalb nicht allein kommerziellen Consultingfirnen überlassen werden, sondern in Zusammenarbeit mit örtlichen Ökogruppen und Organisationen wie der Arbeitsgemeinschaft „Tourismus mit Einsicht“ erfolgen.