Von Rainer Schauer

Stalin lebt in Neu-Grumbach. Neu-Grumbach ist ein Ort nahe dem sächsischen Städtchen Annaberg-Buchholz, südlich von Chemnitz, das 1953 in Karl-Marx-Stadt umbenannt wurde. Die tschechoslowakische Grenze verläuft nicht weit entfernt, und wenn Stalin vor sein graues Haus in dem grauen Dorf tritt, dann sieht er die weiten Hochflächen des Erzgebirges, wo jetzt die Wintergerste hellgrün und die Ackerböden braunschwarz gegen einen grauen Winterhimmel stehen. Wälder gibt es auch. Aber die sterben noch schneller als in der Bundesrepublik, weil das Schwefeldioxyd aus der Tschechoslowakei konzentrierter in unsichtbaren Schwaden über die Grenze weht und weil es sich aus den eigenen Kaminen still auf Fichten und Tannen senkt und in Flüsse fällt, die in kniehohem Schaum baden. So stirbt eine deutsche Landschaft.

Auch dagegen hat Stalin protestiert. Umsonst, so wie er fast vierzig Jahre umsonst, aber unbeugsam und hart gegen sich selbst und gegen die Allmacht der Sozialistischen Einheitspartei SED und die Allgegenwärtigkeit des Staatssicherheitsdienstes protestiert hatte. Deswegen haben ihn die Einwohner von Neu-Grumbach Stalin genannt. Das ist eine historische Verzerrung sondergleichen, aber für den Arbeiter aus Neu-Grumbach eine Ehrenbezeichnung.

Pastor Joachim Gohr aus dem Nachbarort Grumbach sagt, noch kurz vor der Wende am 9. November hätte die Stasi Stalin wieder einmal abgeholt. Da hatte der Mann mit einem kleinen Kreis von Neu-Grumbachern gegen eine neue Straßenführung demonstriert, die kurzfristig geändert worden war. Nun sollte die Straße plötzlich am Haus eines hohen SED-Funktionärs vorbeiführen. Pastor Gohr sagt, bis heute wisse niemand, wer Stalin erneut verraten hätte. Es gab also, so denkt der selbstgerechte Fremde, doch ein paar Menschen in der DDR, die den aufrechten Gang wagten.

Den haben jetzt auch die jungen Oppositionsgruppen in Annaberg-Buchholz gelernt, nachdem sie bei den ersten Zusammenkünften im September 1989 "noch sehr viel Angst hatten". Immerhin, die Stasi wurde in dem Städtchen, das steil an den Ufern der Sehma bis zu den Hochflächen des Erzgebirges hinaufwächst, aus seinem Hauptquartier gesagt. Das ist jetzt ein Kinderhort und -Spielplatz.

Horte und Spielplätze fehlen ohnehin in dem 1945/46 zwangsvereinigten Städtchen, berichten die Mitglieder des Annaberger Neuen Forums im "Kleinen Saal" der HO-Gaststätte "Erzhammer". Dort stellen sich heute abend die Kandidaten für die lokale Sprechergruppe der Bürgerbewegung Neues Forum zur Wahl. Alle vertreten sie das Zehn-Punkte-Programm, das auf den Tischen ausliegt. Alle sind sie für die Wiedervereinigung, für die Marktwirtschaft, gegen die Vernichtung der Natur und für "ein sauberes Erzgebirge", für die Reprivatisierung des Handwerks, für eine privat geführte Hotellerie und Gastronomie. Annaberg-Buchholz soll wieder das kulturelle und touristische Herz des Erzgebirges werden. Das ist ein ehrgeiziges Programm in einer sanierungsbedürftigen Stadt und in einer kranken Landschaft.

Auf den Tischen liegen auch Wahlkampfbroschüren der CSU und die Satzung der Jungen Union Bayern. Die haben Mitglieder des Neuen Forums aus Weiden in der Oberpfalz mitgebracht. Das Kreisstädtchen in Ostbayern will Partnerstadt von Annaberg werden, so wie Siegen, Nürnberg und weitere achtzehn westdeutsche Gemeinden auch.