64 THEMEN DER ZEIT

DIE ZEIT-Nr. 10-2. März 1990

Von Karl-Heinz Janßen

Eine Woche bevor sich die Berliner Mauer öffnete, kam die Freie Universität Berlin mit einer für die Wissenschaft sensationellen Ankündigung heraus: Ihr Institut für Kommunikationsgeschichte und angewandte Kulturwissenschaften sei in der Lage, die Lücken in den Tagebüchern des Nazi-Propagandaministers Joseph Goebbels zu füllen. (Zum Beispiel fehlen in der vorliegenden Münchner Edition die entscheidenden Monate vor dem Kriegsbeginn 1939.)

Diese bedeutendste, auf jeden Fall umfangreichste Geschichtsquelle aus dem „Dritten Reich“ zur Gänze herauszubringen, hatte sich das Münchner Institut für Zeitgeschichte vorgenommen. Aber in den letzten Jahren versiegte der notwendige Nachschub aus dem Osten, wo das meiste aufgetaucht war. Wieso nun Hilfe von drüben für ein Parallel-, ja „Konkurrenz“-Unternehmen?

Flugs war der Berliner Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen mit einer abenteuerlichen Erklärung zur Hand: Das Ost-Berliner Ministerium für Staatssicherheit wolle die „selbständige politische Einheit Westberlin“ wissenschaftspolitisch hervorheben, um die westdeutschen Forschungsstätten – Bundesarchiv und Institut für Zeitgeschichte – zu kompromittieren. Nach der revolutionären Wende des 9. November in der DDR las man es anders: Nun war es nur noch „eine Totgeburt des Stasi“. Ob da nicht jemand doch zu früh frohlockt hat?