Von Christian Wernicke

Der buschige Vollbart überwuchert jedes Mienenspiel, läßt das Gesicht völlig regungslos erscheinen. Versteinert beobachtet Markus Meckel, wie sein politisches Vorbild ein Menschenmeer auf dem Karl-Marx-Platz in seinen Bann schlägt: Zwei Schritte rechts von Willy Brandt steht er auf dem Balkon der Leipziger Oper, und allein das Flackern in den schmalen, grün-braunen Augen offenbart, daß der SPD-Ehrenvorsitzende auch seinen ostdeutschen Enkel anrührt. Später dann, in der Erfrischungsbar, plaziert sich Meckel wie selbstverständlich auf den roten Polstersessel neben Willy Brandt. Daß das Parteiprotokoll diesen Platz für Ibrahim Böhme reserviert hatte, den neuen Chef der DDR-SPD, der „nur mal schnell verschwinden will“, darüber setzt sich Meckel hinweg. War das schon wieder ein Schachzug des gefürchteten Taktikers oder nur ein noch aus Unerfahrenheit entwachsener Verstoß gegen die innerparteiliche Kleiderordnung? Willy Brandt jedenfalls weist einen Photographen barsch zurück, der diese Szene festhalten will.

Es sind solche Momente, in denen der 37jährige Pfarrer seinen politischen Freunden Rätsel aufgibt. Alle wissen, daß sich Markus Meckel, einer der vier Initiatoren der klandestinen SPD-Gründung im vergangenen Oktober, für die junge Partei aufreibt; alle schreiben es auch seinem unermüdlichen Einsatz zu, daß die Sozialdemokraten heute als Regierungspartei von morgen gehandelt werden. Aber gleichzeitig ist der langjährige Organisator von Friedens- und Menschenrechts-Seminaren vielen unheimlich geworden. Zu weit gespannt erscheint ihnen der Bogen zwischen dem Moralisten und dem Taktiker, der einerseits ein intellektueller Theologe ist, andererseits ein machtbewußter Pragmatiker werden muß. Diese Kluft zwischen Herkunft und Herausforderung plagt so manchen, der sich derzeit anschickt, die Politik zu seinem Beruf zu machen.

Markus Meckel gesteht im Gespräch seine Probleme ein, „für sich selbst die eigene Rolle neu zu definieren“. Doch während andere, wie eben Ibrahim Böhme, in liebenswürdiger Unsicherheit offenbaren, daß die ostdeutsche Revolution sie persönlich überfordert, verarbeitet Meckel seine Skrupel mit sich allein. Ohnehin nach eigenem Bekunden „ein Typ, der mehr aushält als andere“, verschließt er sich; diese künstliche Selbstgewißheit hat in den letzten Wochen zugenommen, sagen Wegbegleiter. Ein selbstgesponnener Kokon panzerte den inneren Reifeprozeß ab, der inzwischen weit fortgeschritten ist: „Die Entscheidung, zumindest in den nächsten zwei, drei Jahren Verantwortung zu tragen, die steht für mich.“ Der Vordenker der Partei – er ist auch innerlich schon einen Schritt weiter, ist besser gerüstet als die meisten der politischen Anfänger in der SPD, die am 18. März bei der Wahl zur Volkskammer kandidieren.

Es war ein weiter, wenn auch ein weitgehend gerader Weg vom Pfarrerskind aus Müncheberg bei Frankfurt/Oder zum stellvertretenden Vorsitzenden der Ost-SPD und zum präsumtiven Außenminister einer demokratisch gewählten DDR-Regierung. Meckel war nie in Versuchung, sich unpolitisch in einer Nische der sozialistischen Gesellschaft zu verkriechen: Schon an der Schule galt er als Rebell, wurde er relegiert. Missionar wollte er damals werden; nach dem Theologiestudium in Naumburg und Berlin missionierte er dann als politischer Christ und Gemeindepfarrer in mecklenburgischen Kleinstädten und kirchlichen Oppositionsgruppen. „Ich weiß, daß sich bisweilen mancher von mir erdrückt fühlte“, reflektiert er seinen strengen Argumentationsstil. Auch später, als er in Niederndodeleben bei Magdeburg eine ökumenische Begegnungs- und Bildungsstätte leitete, pflegte er seinen Hang zum Diskurs, gelang es ihm nur mit ausgeprägter Selbstdisziplin, Positionen zu vereinen statt Standpunkte zu scheiden. Intellektuelle Schärfe fasziniert ihn noch heute weit mehr als das Bestreben, „ein oft falsches Harmoniebedürfnis zu befriedigen“. Wärme vermittelt er als Freund und – inzwischen zum zweiten Mal verheiratet – als Vater von fünf Kindern; „wenn es um die Sache geht“, die ihm in den letzten Monaten jede Nestwärme und Erholung raubte, „dann muß man sehen, daß man die Linie hält“.

Die Sache, die Linie – „prinzipielle Erkenntnis“ zwang Meckel seit dem Frühjahr 1989 geradezu, zusammen mit seinem besten Studienfreund Martin Gutzeit eine Partei zu gründen. Die SPD-Ost als Kopfgeburt, begründet weniger in sozialdemokratischen Traditionen als in jahrelangem Studium der Hegeischen Rechtsphilosophie und Logik. Der deutsche Idealist als Pate der Sozialdemokratie: Mit Hegel unterfütterte er nicht nur seine Marxismuskritik, er isolierte sich damit auch im Kreis jener Oppositionellen, „die den Schritt von der Bewegung zur Partei nicht wagen wollten“.

Heute betont das Grundsatzprogramm der SPD streng den Unterschied zwischen Bürgerinitiative und Partei, bricht es eine Lanze für den Parlamentarismus. Hier hat Meckel die Feder geführt – und sei es nur dadurch, daß er andere Hegelianer in die Grundwertekommission berief. Wo rätedemokratischer Anspruch in despotischer Wirklichkeit verendete, dort war die Entscheidung für eine Partei „der eigentliche Bruch“. Die politischen Inhalte wuchsen diesem Gerippe von Grundsätzen gleichsam als Fleisch erst nachträglich an: Erst kam Urgroßvater Hegel, dann Großvater Brandt. Meckels Wahl zwischen Rot und Grün traf der Philosoph, noch nicht der Politiker.