Woody Allens erster Horrorfilm

Von Benjamin Henrichs

Das Auge Gottes, behauptet der Rabbi, sieht alles. Jeder Wohltäter wird belohnt, jeder Übeltäter bestraft. Es ist wie im Alten Testament oder bei Shakespeare: "Mord kommt immer ans Licht."

Vielleicht, sagt Woody Allens neuer Film, ist alles aber auch ganz anders. Vielleicht sind es ganz andere Autoren als Moses und Shakespeare, die unsere Lebensgeschichten schreiben. Vielleicht bestraft das Leben gerade die Besten – und läßt die Mörder und die Dummköpfe triumphieren. Vielleicht ist Gottes Auge blind – und es gibt nur ein Auge, das wirklich alles sieht. Das Auge der Kamera.

Die Kamera ist der einzige Zeuge, als Judah Rosenthal den Schauplatz seines Verbrechens betritt. Judah Rosenthal (Martin Landau) ist nicht irgendein gewöhnlicher Mörder. Er ist ein soignierter, weißhaariger Herr, ein in Schönheit ergrauter Bonvivant (die jüdisch-amerikanische Version etwa von Peter Pasetti); er ist erfolgreicher Augenarzt, zärtlicher Gatte, liebender Vater. Doch nun ist er ein Mörder – von einem bezahlten Killer hat er seine zunehmend lästig werdende Geliebte einfach liquidieren lassen. Tot und blutig liegt das unglückliche Fräulein vor ihm auf dem Boden.

Und das Auge der Kamera besichtigt (in einer langen, stummen, schauerlichen Szene) Täter und Tatort: schaut in Judahs entsetzensstarres Gesicht, gleitet langsam an seinem Körper abwärts, über den Fußboden, zur Leiche; kehrt zurück zum Mörder, bleibt irritierend lange an seinen tadellos geputzten Schuhen hängen, wandert dann wieder körperaufwärts, sieht die Lederhandschuhe an Judahs Hand, blickt zuletzt noch einmal lange und ohne Erbarmen dem Täter ins Gesicht.

Es ist eine Art Leibesvisitation, welche die Kamera unternimmt, ja beinahe eine Exekution. Judah Rosenthal ist gerichtet, vor unseren Augen – aber die Welt wird von diesem Urteil nichts erfahren. Hier irrte der Rabbi: Der Mord bleibt für immer im Dunkeln.