Beim Posener Forum kamen alte und neue Ängste zur Sprache

Von Marion Gräfin Dönhoff

Warschau,Ende Februar

Wenn man in diesen Tagen von Ost-Berlin nach Warschau reist, kommt man aus dem Staunen nicht heraus: Es ist, als seien die Rollen der Deutschen und Polen auf seltsame Weise vertauscht. Da war uns doch immer gesagt worden, die DDR sei das stärkste und wichtigste Land im östlichen Bereich, weil es über die besten Fachkräfte verfügt und seine Produktionsstätten technologisch am besten ausgerüstet sind. Nun sind die Menschen endlich der kommunistischen Unterdrücker ledig und der massiven Hilfe Bonns gewiß, aber dessen ungeachtetet sind sie mutlos, deprimiert, verzweifelt.

Katastrophenstimmung hängt über dem Land, lastet auf den Menschen, die nur ein Gedanke zu erfüllen scheint: weg von hier, auf nach Westen. Wie die Lemminge wandern sie in einem nicht endenden Strom Richtung Bundesrepublik. Anfangs sah man noch hin und wieder trotzige Plakate „Wir bleiben hier“ – die gibt es nicht mehr.

Und dann Polen: Die Regierung in Warschau hat dem Lande eine unerhört schmerzhafte Roßkur verordnet. Neunzig Prozent aller Subventionen wurden gestrichen und am 1. Januar die meisten Preise freigegeben. Die Reallöhne sind daraufhin um dreißig Prozent gesunken. Obgleich die Preise auf dem nunmehr freien Markt in schwindelnde Höhe gestiegen sind, dürfen die Löhne unter Androhung hoher Strafen nicht angehoben werden.

Ich hatte von der letzten Reise vor sechs Monaten noch 4000 Zloty in der Tasche. Damit konnte man damals vom Flugplatz in die Stadt und auch zurück fahren. Heute bringen einen 4000 Zloty noch nicht einmal um drei Straßen weiter; die Summe, die der Tachometer anzeigt, muß mit hundert multipliziert werden. Damals wurde man schon, ehe man das Hotel betreten hatte, flüsternd angesprochen: „You change money“? Heute gibt es keine Schwarzhändler mehr für Devisen. Der schwarze und der offizielle Kurs sind identisch. Die „innere Konvertibilität“ ist hergestellt.