Demokratiebewegungen in Osteuropa, Glasnost und Perestrojka in der Sowjetunion:

Von Michael Stührenberg

Havanna, Ende Februar

In den späten siebziger und achtziger Jahren gab es einen Witz: Welches ist das größte Land der Welt? – Kuba. Seine Hauptstadt liegt in der Karibik, seine Armee steht in Afrika, und seine Regierung sitzt in Moskau. Inzwischen ist dieser Scherz unter die Räder der revolutionären Neuzeit im Ostblock geraten. Daß Kubas Regierung nicht im Kreml, sondern am Revolutionsplatz von Havanna sitzt, bezweifelt niemand, seit Fidel Castro klipp und klar erklärt hat, die Perestrojka tauge nicht für die Insel, und einen Teil der sowjetischen Presse wegen ihres "antisozialistischen Gifts" aus den Kiosken Havannas verbannt hat.

Die Partei, aus der zaghafte Reformtöne zu hören waren, ist längst wieder auf Vordermann gebracht. Der máximo líder hält das Banner der Revolution hoch, mag er auch der letzte Sozialist sein und seine Revolution ihren Glanz im bürokratischen Alltag längst verloren haben. Und er ist der unbestrittene Führer in einer Partei, die sich bislang durch mausgraue Anpassung beim Volk wenig Respekt erworben hat. Zwar wird, so viel dringt doch nach draußen, im Zentralkomitee diskutiert, ob nicht angesichts weltpolitischer Änderungen ein entschiedener Reformkurs nötig sei. Aber die Partei ist eine kleine Größe, und Fidel eine sehr viel größere. Der Revolutionär setzt sich im Zweifelsfall immer noch gegen die ohnehin entmutigten Sozialisten durch.

Und Kubas Armee steht auch nicht mehr in Afrika: Die 31 000 in den letzten Monaten aus Angola heimgekehrten Internationalisten bezeugen, daß Fidel sein Engagement in Afrika abbaut. Bis Ende nächsten Jahres werden auch die nun noch verbleibenden 20 000 "Helden" eines Krieges, der für Kuba vierzehn Jahre lang gedauert hat, zurück sein. Selbst die Toten wurden in die Heimat gebracht, die "Märtyrer", 2016 an der Zahl, ferner 333 aus Äthiopien und anderen Einsatzgebieten in Übersee.

Damit endet eine abenteuerliche Geschichte, die vor dreißig Jahren im Algerienkrieg und den Urwäldern des Kongo begann, die Geschichte Che Guevaras und der Revolution in der Dritten Welt. "Heute herrscht hier ein stärkerer Pragmatismus", gesteht Armando Entralgo, Direktor des kubanischen Instituts für Afrika und den Nahen Osten. "Man muß die Grenzen seiner eigenen Möglichkeiten erkennen. Kubas Zukunft liegt in Lateinamerika." Außerdem werden die Angola-Kämpfer ja auch für die neue Schlacht daheim gebraucht. "Wenn das Schicksal uns die Rolle zuweist, eines Tages zu den letzten Verteidigern des Sozialismus zu zählen in einer Welt, in der das Yankee-Imperium Hitlers Traum von der Weltherrschaft verwirklicht, dann werden wir dieses Bollwerk bis zum letzten Blutstropfen verteidigen", sagt Fidel. Er glaubt daran. Den Krieg gegen Batista hat er nicht nur für Kuba geführt, sondern für die Befreiung einer unterdrückten Welt. Durchaus nicht immer zur Freude Moskaus: Fidels tatkräftige Förderung der Befreiungsbewegungen hat wenig Rücksicht auf die außenpolitischen Zwänge der östlichen Weltmacht genommen, er war ein Verbündeter, aber kein Vasall Moskaus.