Von Joachim Nawrocki

Natürlich bröckelt immer noch der Putz, in diesem grauen Land fehlt viel Farbe. Aber auf den zweiten Blick wird der Wandel in der DDR auch in den entlegensten Ecken sichtbar. In heruntergekommenen märkischen Bauerndörfern kleben CDU-Plakate an schiefen Kastanienbäumen; die SPD argumentiert wortreich im Schaukasten. In der Küche der HO-Gaststätte "Zum Hechtsprung" in Groß Glienicke schaut Karl Marx trübsinnig von einem Plakat herab: "Proletarier aller Länder, vergebt mir". Im Schloß Cecilienhof, wo einst die Mächtigsten der Welt das Potsdamer Abkommen aushandelten, zerfällt die Mauer am Seeufer auch schon zwischen Unkraut und Schutt, daneben liegt aufgerollter Stacheldraht. Neugierig schlendern Touristen an den steinernen Resten eines Regimes vorüber, das schon Geschichte ist.

Dort, wo das alles unter anderem auch angefangen hat, im Pfarrhaus der Ostberliner Samariterkirche, steht im Treppenhaus: "Gegen Rainer". Waren das noch Stasi-Leute, die den dienstältesten Dissidenten Rainer Eppelmann jahrelang verfolgt haben, oder sind es enttäuschte Oppositionelle, denen der neue Minister Eppelmann vom Demokratischen Aufbruch zu konservativ geworden ist? Inzwischen ist die Inschrift übermalt, mit einem großen FÜR und einem roten Herz. Aber ein Herzchen ist dieser Rainer Eppelmann nun auch nicht. Zwar redet der beurlaubte Pfarrer oft auch wie ein solcher, aber er hat durchaus auch etwas von seinem Amtsbruder Don Camillo: nicht dessen Unbeherrschtheit und Brachialgewalt, aber Listigkeit und Hartnäckigkeit. Im Hausflur drängeln sich Besucher, der Terminkalender ist überbucht, Eppelmann bittet noch um zehn Minuten Geduld: "Aber freuen Sie sich schon mal."

Das Gewusel um ihn herum scheint dem Mann gutzutun. Er ist wie befreit von den Zwängen, unter denen er seit fast drei Jahrzehnten stand. Minister zu sein, "um Verantwortung zu übernehmen und Vertrauen zu vermitteln", mit Ministerpräsident Hans Modrow nach Bonn zu reisen, das schmeichelt sicher auch seinem Ego, und viele seiner Freunde hat es verwundert, daß Eppelmann als so ziemlich einziger in der DDR-Delegation die Enttäuschung über das magere Ergebnis der Bonnreise nicht teilen konnte: "Da ist ein Staat, der fertig ist, und die Bundesregierung ist bereit, mit ihm eine Währungs- und Wirtschaftsunion einzugehen; das ist doch ungeheuer viel." Bärbel Bohley vom Neuen Forum, die "Mutter der Revolution", meint dazu: "Daß der Eppelmann eitel ist, wußte ich ja schon lange, aber daß er so eitel ist, daß er sich dem Kohl auf den Schoß setzt, hätte ich doch nicht gedacht."

Der Unterschied ist wohl, daß Bärbel Bohley in der Opposition Mut und Stärke bewiesen hat und auch jetzt, stiller geworden, im Neuen Forum fleißig mitarbeitet; aber Machtgelüste, Pragmatismus und Sachzwänge sind ihr fremd. Eppelmann dagegen hat an der Politik Geschmack gefunden. Er ist Berliner Spitzenkandidat des Demokratischen Aufbruchs, der sich im Unterschied zum Neuen Forum auch als Partei versteht. Ein Sitz in der Volkskammer ist Eppelmann sicher, eine Zukunft als Minister nicht ausgeschlossen. Dem Wahlbündnis Allianz für Deutschland aus Demokratischem Aufbruch, Deutscher Sozialer Union und der alten CDU stand er distanziert gegenüber, doch er meint: "Ich kann damit leben, daß ich nicht immer auf Seiten der Mehrheit stehe, und ich habe ja auch die Erfahrung gemacht, daß ich etwas nur ändern kann, wenn ich mich reingebe, und nicht, wenn ich rausgehe."

Hineinbegeben hat er sich immer schon. Fragt man ihn nach einem Schlüsselerlebnis, das für die oppositionelle Haltung zu dem Staat, in dem der jetzt 47jährige Eppelmann aufgewachsen ist, entscheidend war, dann nennt er den Mauerbau. Bis zum 13. August 1961 besuchte er eine Westberliner Schule, hätte Abitur machen können, wollte Pilot oder Architekt werden. Die Mauer verhinderte das. Er wurde Hilfsarbeiter, lernte Maurer, um auf diesem Umweg das Berufsziel zu erreichen, kam auch auf die Fachschule für Bauwesen, aber er verließ sie wieder: "Ich hatte den Eindruck, hier würde ich mehr zum Staatsfunktionär gedrillt als zum Baufachmann, und das ist mir auf den Magen geschlagen." Er wurde wieder Maurer, dann Maurerbrigadier, bis die Einberufung zur Volksarmee kam. Eppelmann verweigerte nicht nur den Dienst mit der Waffe, sondern auch das Gelöbnis als Bausoldat. Das brachte ihm acht Monate Haft ein, an deren Ende er dann doch noch Bausoldat wurde. Dann noch einmal Maurer. Aber sein Leben sollte das nicht sein.

Also studierte Eppelmann ab Herbst 1969 Theologie, geprägt nicht durch die Familie, sondern von der Jungen Gemeinde. Seit fünfzehn Jahren ist er nun Pfarrer an der Friedrichshainer Samaritergemeinde, zur Zeit für fünf Monate beurlaubt. Mitte der siebziger Jahre initiierte er die Blues-Messen, bei denen auch offen politisch diskutiert wurde, zu denen aus der ganzen DDR Tausende kamen. Das war die Keimzelle der Friedensbewegung in der DDR. Von Eppelmann stammt auch der "Berliner Appell – Frieden schaffen ohne Waffen", der ihm und etlichen Mitunterzeichnern im Februar 1982 einige Tage Haft einbrachte. Am 2. Oktober 1989 gehörte er zu denjenigen, die den Demokratischen Aufbruch als bewußten Versuch gründeten, den schützenden Raum der Kirche zu verlassen, "weg von der Spontaneität, hin zu festen Strukturen".